Draußen suchen sie einen Mann
Ein Mann sitzt in einer Höhle, über seinem Kopf liegt Fels, vor ihm der einzige Ausgang. Draußen sucht König Saul nach ihm. David weiß: Wird er entdeckt, ist die Höhle eine Falle, denn zurück ins Freie führt nur derselbe schmale Weg.
Ob es die Höhle von Adullam war oder jene bei En-Gedi, lässt die alte Überschrift des Psalms offen. Sicher ist nur die Lage: Der Verfolgte steckt im Fels, und die Männer des Königs suchen ihn. Seine Zukunft hängt an einem Ausgang.
David hat keinen Palast mehr, keine Tür, keinen Riegel. Er hat Stein über dem Kopf und eine Bitte auf den Lippen: „Sei mir gnädig, Gott, sei mir gnädig.“ Dann sagt er etwas, das in dieser Höhle zunächst beinahe unmöglich klingt.
„Im Schatten deiner Flügel will ich mich bergen, bis das Unheil vorübergeht.“ (Psalm 57,2)
David redet die Gefahr nicht klein: Seine Gegner sind für ihn Löwen, ihre Zähne Spieße, ihre Zungen Schwerter. Sie legen ein Netz und graben eine Grube. Doch wovor können Flügel schützen, wenn draußen bewaffnete Männer warten?
Der Fels reicht nicht
Der Fels kann Davids Körper verbergen, doch gegen die Angst in seiner Brust ist er machtlos. Vielleicht hält er Saul für eine Stunde fern, aber Frieden kann er nicht geben. Dazu müsste in der Höhle etwas sein, das kein Speer zerstören kann.
Viele Generationen später bekamen diese Flügel für Israels Beter eine neue Wucht. Johannes Paul II., Papst von 1978 bis 2005, las Psalm 57 im Licht des innersten Raums im Tempel von Jerusalem.
Dort stand die Bundeslade, eine vergoldete Truhe als Zeichen für Gottes Treue zu Israel. Über ihr breiteten zwei Cherubim ihre Flügel aus. Cherubim sind geflügelte Gestalten, die in der Bibel Gottes heilige Gegenwart anzeigen.
Das Heiligtum war etwa neun Meter breit, und jeder Cherub spannte seine Flügel über rund viereinhalb Meter. Ein Flügel berührte die Wand, der andere den Flügel seines Gegenübers. Unter diesem gewaltigen Dach stand die Lade.
Das Flügelbild zeigte mehr als einen Vogel. Über der Lade berührten sich die Flügel dort, wo Israel Gottes unsichtbare Nähe verehrte. Nun taucht dieses Bild im Gebet eines Verfolgten auf.
Diese spätere Lesart lässt die Höhle anders erscheinen. David sitzt zwischen Wänden, doch Israels Gebet hört darin längst auch die Lade, die Verheißung und die ausgebreiteten Flügel. Saul beherrscht draußen Wege und Waffen, aber Gottes Nähe reicht bis ins Versteck.
Die Höhle wird zum Schutzraum
„Im Schatten deiner Flügel will ich mich bergen.“
Psalm 57,2
Die Verfolger sind damit nicht verschwunden, und David bittet weiterhin ausdrücklich um Rettung. Doch Saul bekommt nicht mehr den ganzen Raum: Zwischen dem König und seinem Opfer steht Gottes Gegenwart.
Unter diesen Flügeln wird David nicht unverwundbar, aber er weiß sich gehalten. Die Bedrohung bestimmt nicht mehr, wem sein Herz gehört. Mitten unter den Löwen holt er Luft für einen Satz, heller als die Nacht.
Einer muss das Morgenrot wecken
„Mein Herz ist bereit, Gott, mein Herz ist bereit“, sagt er zweimal. Das Herz ist in der Bibel die innere Mitte des Menschen. Obwohl draußen derselbe Feind lauert, richtet David sich auf – und jetzt soll die Höhle sein Lied hören.
Wie Psalm 57 durch die Nacht betet
Fünf Bewegungen führen von der ersten Bitte bis zum geweckten Morgenrot.
Psalm 57Ps 57,1–12Ganzes Gebet lesenGebetszettel schließen
Ps 57,1–12 · Einheitsübersetzung 20161Für den Chormeister. Nach der Weise Verdirb nicht! Von David. Ein Miktam-Lied. Als er vor Saul floh. In der Höhle.
2Sei mir gnädig, Gott, sei mir gnädig, denn ich habe mich bei dir geborgen, im Schatten deiner Flügel will ich mich bergen, bis das Unheil vorübergeht.
3Ich rufe zu Gott, dem Höchsten, zu Gott, der mir beisteht.
4Er sende vom Himmel und rette mich, es höhnte, der mir nachstellt. [Sela] Gott sende seine Huld und seine Treue.
5Ich muss mitten unter Löwen lagern, die gierig auf Menschen sind. Ihre Zähne sind Spieße und Pfeile, ein scharfes Schwert ihre Zunge.
6Erhebe dich über den Himmel, Gott! Deine Herrlichkeit sei über der ganzen Erde!
7Sie haben meinen Schritten ein Netz gelegt, gebeugt meine Seele, sie haben mir eine Grube gegraben, doch fielen sie selbst hinein. [Sela]
8Mein Herz ist bereit, Gott, mein Herz ist bereit, ich will singen und spielen.
9Wach auf, meine Herrlichkeit! Wacht auf, Harfe und Leier! Ich will das Morgenrot wecken.
10Ich will dich preisen, Herr, unter den Völkern, dir vor den Nationen spielen.
11Denn deine Liebe reicht, so weit der Himmel ist, deine Treue, so weit die Wolken ziehn.
12Erhebe dich über den Himmel, Gott! Deine Herrlichkeit sei über der ganzen Erde!
Bergenim Schatten deiner FlügelPs 57,2Gebetsbewegung öffnenGebetsbewegung schließen
Im GebetNoch ist die Gefahr nah. David macht Gottes Gegenwart zu seinem Zufluchtsort.
Für dein GebetBei Gott hat auch das Platz, wovor du dich heute fürchtest.
RufenGott sende seine Huld und seine TreuePs 57,3–5Gebetsbewegung öffnenGebetsbewegung schließen
Im GebetDavid bleibt nicht stumm. Er ruft zu dem Gott, von dem er Hilfe erwartet.
Für dein GebetDeine Bitte darf so konkret sein wie die Gefahr.
Erhebenüber der ganzen ErdePs 57,6Gebetsbewegung öffnenGebetsbewegung schließen
Im GebetDer Blick hebt sich über die Höhle. Saul ist mächtig, aber seine Reichweite endet.
Für dein GebetWas dich bedrängt, ist nicht der Herr über dein Leben.
Erkennendoch fielen sie selbst hineinPs 57,7–8Gebetsbewegung öffnenGebetsbewegung schließen
Im GebetDas Netz liegt noch da. Trotzdem gewinnt Davids gebeugtes Herz seinen Stand zurück.
Für dein GebetGott sieht auch die Falle, die du selbst kaum beschreiben kannst.
WeckenIch will das Morgenrot weckenPs 57,9–12Gebetsbewegung öffnenGebetsbewegung schließen
Im GebetDavid wartet nicht auf den Sonnenaufgang. Sein Lied ruft ihm entgegen.
Für dein GebetEin einziger Satz kann in der Nacht schon dem Morgen gehören.
David ruft nach Harfe und Leier, nach Instrumenten für ein Fest mitten im Versteck. Dann fordert er die Sonne heraus: „Ich will das Morgenrot wecken.“ Sein Lob soll vor dem ersten Licht wach sein.
Der Papst hörte darin den Weg von der Nacht zum Licht, von der Klage zum Lob. Für Christen öffnet sich hier eine größere Höhle: das Grab Jesu, verschlossen mit einem Stein. Die Nacht schien gewonnen zu haben.
Jesus hatte selbst vom Schutz unter Flügeln gesprochen. Über Jerusalem klagte er, er habe Jerusalems Kinder sammeln wollen wie eine Henne ihre Küken (Mt 23,37). Er kennt den Instinkt, den Gefährdeten mit dem eigenen Leib zu decken.
Am Kreuz geht Jesus selbst in die Gewalt hinein, doch am Ostermorgen steht das Grab offen. Auferstehung, neues und unzerstörbares Leben nach dem wirklichen Tod, heißt hier: Gott hat Jesus von den Toten auferweckt. Davids „bis“ reicht bis hierher.
Der Tod bekommt eine Grenze. Die Kirche lebt aus diesem Morgen. Wenn sie Psalm 57 betet, hört sie deshalb mehr als den Mut eines gejagten Königs: Christus hat die tiefste Nacht durchschritten, und kein Grab konnte ihn festhalten.
Wenn deine Nacht einen anderen Namen trägt
Vielleicht ist deine Höhle ein stilles Zimmer, in dem du auf einen Anruf wartest. Vielleicht ist sie der Moment vor dem Öffnen eines Briefes, dessen Absender du fürchtest. Die Wände schützen dich nicht vor dem, was darin steht.
Psalm 57 verspricht keine schmerzfreie Nacht. Er zeigt einen Menschen, der seine Angst beim Namen nennt und trotzdem nicht allein mit ihr bleibt. Über ihm ist mehr als der kalte Fels: Dort breiten sich Gottes Flügel aus.
David weiß noch nicht, wie er aus der Höhle kommt, aber er weiß, wer ihn dort findet. Darum gehört sein nächster Atemzug nicht Saul. Sein nächstes Lied gehört Gott, dessen Treue weiter reicht als die Wolken.
Vielleicht stehst du gerade in diesem kleinen Wort: bis. Der Morgen ist noch nicht zu sehen, und unter Gottes Flügeln musst du ihn auch nicht herbeizwingen. Du darfst dort warten, bis das Licht kommt.
Quellen
- Psalm 57, Einheitsübersetzung 2016 – vollständiger Wortlaut des Gebets
- Johannes Paul II., Generalaudienz vom 19. September 2001 – Flügel der Cherubim, Nacht und Morgenrot in Psalm 57
- 1 Könige 6,20–28, Einheitsübersetzung 2016 – Maße der Cherubim im innersten Raum des Tempels
- 1 Könige 8,6–7, Einheitsübersetzung 2016 – die Bundeslade unter den Flügeln der Cherubim
- 1 Samuel 22,1–2, Einheitsübersetzung 2016 – David in der Höhle von Adullam
- 1 Samuel 24,3–8, Einheitsübersetzung 2016 – David und Saul in einer weiteren Höhlenszene; die Psalmüberschrift legt keine bestimmte Höhle fest
- Matthäus 23,37, Einheitsübersetzung 2016 – Jesus greift das Bild vom Sammeln unter den Flügeln auf
