Draußen suchen sie ihn
Ein Mann sitzt im Dunkeln. Hinter dem Höhleneingang liegt offenes Land, irgendwo dort draußen sucht ein König nach ihm, und jeder Schritt auf Geröll könnte die Verfolger näher bringen. Der Mann kann nur warten.
So setzt die alte Überschrift das Gebet in Szene: David sei vor Saul in eine Höhle geflohen. Welche Höhle gemeint ist, lässt sich nicht entscheiden. Ein Psalm ist ein biblisches Gebet, das Angst, Zorn und Hoffnung vor Gott ausspricht, statt sie zu verstecken.
Der erste Satz verdoppelt die Bitte: „Sei mir gnädig, Gott, sei mir gnädig.“ Dann fällt das Bild, das den ganzen Raum verändert: „Im Schatten deiner Flügel will ich mich bergen, bis das Unheil vorübergeht“ (Ps 57,2).
Wie hält man eine Nacht aus, deren Ausgang verborgen bleibt? Ein Fluchtplan fehlt. Darum beginnt der Psalm mit einer Ortsbestimmung: Ein verfolgter Mensch stellt sich zu Gott.
Seine Worte lassen die Gefahr in voller Schärfe stehen. Er nennt die Gegner Löwen, ihre Zähne Spieße und Pfeile, ihre Zunge ein Schwert. Sie legen ein Netz und graben eine Grube; der Schutzsatz steht mitten in ihrer Drohung.
Fels schützt den Körper
Fels verbirgt einen Körper vor Blicken. Verrat dringt hinein, Gerüchte folgen ihm, Angst setzt sich im Brustkorb fest. Selbst ein gutes Versteck bleibt ein Ort, an dem ein Verfolger ihn finden kann.
Johannes Paul II., Papst von 1978 bis 2005, hielt am 19. September 2001 eine Auslegung genau dieses Psalms. In seiner Auslegung führen die Flügel in den innersten Raum des Tempels in Jerusalem. Dort liegt für ihn der entscheidende Hintergrund des Bildes.
Dort stand die Bundeslade, eine vergoldete Truhe als Zeichen von Gottes Bund mit Israel. Darüber breiteten Cherubim, geflügelte Wächtergestalten, ihre Flügel aus. Der König verfolgte David noch immer, doch sein Gebet stellte die Höhle unter das Bild jenes Ortes, an dem Israel Gottes Gegenwart feierte.
Der innere Raum war zwanzig Ellen breit, ungefähr neun Meter, und jeder der beiden Cherubim spannte seine Flügel zehn Ellen weit. Eine Spitze berührte die Wand, die andere den Flügel der zweiten Gestalt. Die Bundeslade stand darunter, umgeben von vier ausgebreiteten Flügeln.
Der Tempel aus Stein bleibt in Jerusalem. Mit seinem Gebet trägt der Beter die Zeichen des Heiligtums bis in die Höhle. Gottes Gegenwart reicht über die Tempelmauern hinaus und erreicht ihn dort, wo Saul ihn mit seiner Gewalt in die Enge treibt.
Die Höhle wird zum Schutzraum
„Im Schatten deiner Flügel will ich mich bergen.“
Psalm 57,2
Der stärkste Einwand trifft den Körper: Speere durchbohren, Rechnungen bleiben offen, ein Befund bleibt bestehen. Draußen brüllen die Löwen. Der Beter kennt diese Härte am eigenen Leib und bittet gerade deshalb um Rettung.
Im Gebet verlieren seine Feinde den Anspruch auf den ganzen Raum. Zwischen ihren Zähnen und seiner Seele steht Gottes Gegenwart. Schutz beginnt hier, bevor die Lage gelöst ist, und genau deshalb findet der Beter seinen nächsten Satz.
Einer muss das Morgenrot wecken
Psalm 57 besteht aus zwei Bewegungen. Die erste führt von der Bitte um Gnade – Gottes unverdiente Zuwendung – über die Feinde zum Ruf nach Gottes Herrlichkeit. Die zweite beginnt noch einmal bei Netz und Grube, doch dann richtet sich der gebeugte Mensch auf.
Jetzt sagt er zweimal: „Mein Herz ist bereit.“ In der Sprache der Bibel bezeichnet das Herz die Mitte des Menschen: Dort denkt, will und entscheidet er, dort fasst er auch den Entschluss, wieder zu singen. Draußen ist dieselbe Nacht, drinnen fällt die Entscheidung zum Lob.
Wie Psalm 57 durch die Nacht betet
Fünf Bewegungen führen von der ersten Bitte bis zum geweckten Morgenrot.
Psalm 57Ps 57,1–12Ganzes Gebet lesenGebetszettel schließen
Ps 57,1–12 · Einheitsübersetzung 20161Für den Chormeister. Nach der Weise Verdirb nicht! Von David. Ein Miktam-Lied. Als er vor Saul floh. In der Höhle.
2Sei mir gnädig, Gott, sei mir gnädig, denn ich habe mich bei dir geborgen, im Schatten deiner Flügel will ich mich bergen, bis das Unheil vorübergeht.
3Ich rufe zu Gott, dem Höchsten, zu Gott, der mir beisteht.
4Er sende vom Himmel und rette mich, es höhnte, der mir nachstellt. [Sela] Gott sende seine Huld und seine Treue.
5Ich muss mitten unter Löwen lagern, die gierig auf Menschen sind. Ihre Zähne sind Spieße und Pfeile, ein scharfes Schwert ihre Zunge.
6Erhebe dich über den Himmel, Gott! Deine Herrlichkeit sei über der ganzen Erde!
7Sie haben meinen Schritten ein Netz gelegt, gebeugt meine Seele, sie haben mir eine Grube gegraben, doch fielen sie selbst hinein. [Sela]
8Mein Herz ist bereit, Gott, mein Herz ist bereit, ich will singen und spielen.
9Wach auf, meine Herrlichkeit! Wacht auf, Harfe und Leier! Ich will das Morgenrot wecken.
10Ich will dich preisen, Herr, unter den Völkern, dir vor den Nationen spielen.
11Denn deine Liebe reicht, so weit der Himmel ist, deine Treue, so weit die Wolken ziehn.
12Erhebe dich über den Himmel, Gott! Deine Herrlichkeit sei über der ganzen Erde!
Bergenim Schatten deiner FlügelPs 57,2Gebetsbewegung öffnenGebetsbewegung schließen
Im GebetDer Beter sucht mitten im unruhigen Leben Zuflucht bei Gott.
Für dein GebetDu könntest Gott den Ort nennen, an dem du heute Schutz brauchst: „Bei dir berge ich mich mit …“
RufenGott sende seine Huld und seine TreuePs 57,3–5Gebetsbewegung öffnenGebetsbewegung schließen
Im GebetDie Bitte bekommt Namen. Gottes Liebe und Verlässlichkeit sollen dem Beter entgegenkommen.
Für dein GebetDu könntest konkret bitten: „Sende mir heute deine Huld durch … und halte mich treu in …“
Erhebenüber der ganzen ErdePs 57,6Gebetsbewegung öffnenGebetsbewegung schließen
Im GebetMitten in der Bedrängnis wird Gottes Größe wichtiger als die Reichweite der Gegner.
Für dein GebetDu könntest Gott größer nennen als das, was deinen Blick gerade ausfüllt.
Erkennendoch fielen sie selbst hineinPs 57,7–8Gebetsbewegung öffnenGebetsbewegung schließen
Im GebetDie Falle schnappt nach ihrem eigenen Erbauer. Das gebeugte Herz findet neu seinen Stand.
Für dein GebetDu könntest Gott anvertrauen, wo eine fremde Absicht nach Macht über dein Leben greift.
WeckenIch will das Morgenrot weckenPs 57,9–12Gebetsbewegung öffnenGebetsbewegung schließen
Im GebetDas Lob hebt noch in der Nacht an. Es singt dem kommenden Morgen schon entgegen.
Für dein GebetDu könntest mitten in der verbleibenden Nacht einen Satz des Dankes sprechen.
Mit Harfe und Leier holt der Beter schon den Festklang in die Höhle. Der Satz „Ich will das Morgenrot wecken“ geht noch weiter. Der Beter spricht, als müsse der Tag auf sein Lied hören.
Johannes Paul II. sah darin den Übergang von Nacht zu Licht, von Angst zu Freude und von Klage zu Lob. Die christliche Überlieferung hörte in diesem Morgen auch Osterfreude: die Freude über die Auferstehung, in der Jesus nach seinem Tod lebendig aus dem Grab hervorgeht.
Jesus selbst nimmt das Flügelbild auf. Er klagt über Jerusalem und sagt, er habe seine Menschen sammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken unter die Flügel nimmt (Mt 23,37). Bei ihm hat Schutz die Wärme von Gottes Nähe: Sie sucht den Bedrohten und will ihn sammeln.
Der Psalm verheißt Geborgenheit für verwundbare Menschen. Jesus selbst geht durch Verrat, Gewalt und Tod und kennt die Nacht von innen. Ostern setzt selbst dem Tod einen Morgen; darauf läuft das „bis“ des Psalms zu.
Wenn deine Nacht einen anderen Namen trägt
Vielleicht trägt deine Nacht einen anderen Namen. Sie zeigt sich als Lichtstreifen unter einer Krankenhaustür, als rotes Minus auf einem Konto oder als drei tippende Punkte in einem Chat, von dem du eine Nachricht fürchtest. Auch dort wartet das Unheil sehr nah.
Psalm 57 gibt der Gefahr ihre scharfen Namen: Löwen, Netze und Zungen. Dann legt er über diese Wörter ein anderes Bild: Flügel, die schweigend Schutz geben.
Der Ausgang seiner Nacht bleibt dem Verfolgten verborgen. Den ersten Satz des Morgens widmet er Gott, dessen Liebe bis zum Himmel reicht und dessen Treue weiter zieht als die Wolken.
Vielleicht stehst du gerade im „bis“; das Danach liegt hinter dem Horizont. Der Psalm kennt diesen schmalen Ort. Dort kann ein Mensch warten, atmen und sich Gott anvertrauen, während die Nacht weitergeht.
Quellen
- Psalm 57, Einheitsübersetzung 2016 – vollständiger Wortlaut des Gebets
- Johannes Paul II., Generalaudienz vom 19. September 2001 – Flügel der Cherubim, Nacht und Morgenrot in Psalm 57
- 1 Könige 6,20–28, Einheitsübersetzung 2016 – Maße, Bundeslade und Cherubim im innersten Raum des Tempels
- 1 Samuel 22,1–2, Einheitsübersetzung 2016 – David in der Höhle von Adullam
- 1 Samuel 24,3–8, Einheitsübersetzung 2016 – David und Saul in einer weiteren Höhlenszene; die Psalmüberschrift legt keine bestimmte Höhle fest
- Matthäus 23,37, Einheitsübersetzung 2016 – Jesus greift das Bild vom Sammeln unter den Flügeln auf
