Drei Tage, kein Wort
Drei Tage geht der alte Mann neben seinem Sohn her, und die Last ist ungleich verteilt: Der Junge trägt das Holz auf den Schultern, der Vater trägt das Feuer und das Messer. Gesprochen wird nichts.
Zwei Knechte und ein Esel laufen hinterher, keiner von ihnen weiß, wohin die Reise geht, und keiner fragt nach. Drei Tage sind eine sehr lange Zeit zum Nachdenken, wenn man weiß, was am Ende des Weges vorgesehen ist.
Am dritten Tag hebt Abraham den Blick und sieht den Hang vor sich liegen. Er lässt die Knechte unten zurück und sagt dabei einen Satz, der ihm nach allem, was er zu tun gedenkt, nicht über die Lippen kommen dürfte: „Bleibt hier, ich gehe mit dem Knaben hinauf, und wir kommen zu euch zurück“ (Gen 22,5).
Wir. Er sagt es, während das Messer an seinem Gürtel hängt.
Oben schichtet er Steine zu einem Altar, und der Junge legt das Holz zurecht, ordentlich, wie er es zu Hause gelernt hat. Beim Aufschichten fällt ihm auf, dass etwas fehlt, was bei jedem Opfer dabei sein müsste. Dann stellt er die Frage, die er drei Tage lang nicht gestellt hat.
„Mein Vater, hier ist Feuer und Holz. Wo aber ist das Lamm für das Brandopfer?“ (Gen 22,7)
Abraham antwortet ihm: „Gott wird sich das Lamm für das Brandopfer ausersehen, mein Sohn“ (Gen 22,8). Dann bindet er das Kind, legt es oben auf das Holz und nimmt das Messer in die Hand. Die Klinge steht bereits in der Luft, als eine Stimme dazwischenfährt.
„Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus!“ (Gen 22,12) Hinter Abraham hat sich ein Widder mit den Hörnern im Gestrüpp verfangen, und der Alte opfert das Tier anstelle seines Sohnes. Der Widder stirbt an diesem Morgen, das Kind nicht.
Wer verlangt so etwas?
An dieser Stelle steigen die meisten Leser aus, und sie haben ausgesprochen gute Gründe dafür. Ein Gott, der einen Vater zum Kindermord auffordert, ist kein Gott, den man verteidigen möchte, und wer das anders sieht, hat den Text nicht ernst genommen.
Das ist der stärkste Einwand gegen diese Seite der Bibel, und er verschwindet nicht, wenn man ihn fromm überstreicht. Er wird sogar schlimmer, sobald jemand das Kapitel zu einer Lektion über Gehorsam macht und die Zumutung dabei wegerklärt.
Dazu gehört ein Befund, der in den meisten Kinderbibeln fehlt: In der Welt, in der diese Geschichte spielt, wurden Kinder tatsächlich geopfert, und Israel hat diese Praxis zeitweise mitgemacht, statt sie zu verweigern. Genau dagegen richtet sich später die schärfste Formulierung, die das Alte Testament überhaupt kennt, denn über die Verbrennung von Söhnen und Töchtern lässt der Prophet Jeremia Gott sagen, das sei etwas, „was ich nie befohlen habe und was mir nie in den Sinn gekommen ist“ (Jer 7,31).
Die Erzählung vom Berg endet also mit einem gestoppten Messer und nicht mit einer Aufforderung. Trotzdem bleibt die eine Frage im Raum stehen, auf die der Text bis hierher keine Antwort gibt: Warum muss ein Vater diesen Weg überhaupt erst gehen?
Zwei Männer tragen Holz
Der Sohn trägt das Holz für sein eigenes Opfer den Berg hinauf. Der Vater geht neben ihm her und sagt nichts.
Etwa achtzehnhundert Jahre später trägt ein Mann auf einem Hügel wenige Kilometer weiter den Balken für seine eigene Hinrichtung. Auch dort greift der Vater nicht ein.
Zwei Texte, zwei Sprachen, verschiedene Verfasser, dazwischen ein Abstand, den kein Schreiber der Antike hätte überbrücken können. Beide Texte stehen heute in einem einzigen Buch, und der jüngere kennt den älteren genau.
Augustinus, Bischof im nordafrikanischen Hippo, hat den Zusammenhang um das Jahr 420 in seinem großen Werk über die Geschichte der Welt festgehalten: Isaak habe das Holz zur Opferstätte getragen, so wie der Herr selbst sein Kreuz trug. Der genaue Wortlaut steht unten in den Quellen.
Dieser Satz ist kein Einfall eines Einzelnen, der sich etwas Passendes zurechtgelegt hat. Er hält fest, wie Christen die beiden Stellen von Anfang an nebeneinandergelegt haben, lange bevor jemand daraus eine erbauliche Parallele machen konnte. Dasselbe gilt für das Tier im Gestrüpp, in dessen Hörnern derselbe Bischof den Mann erkennt, dem man vor der Hinrichtung Dornen aufs Haupt drückte.
Ob es sich dabei um denselben Hügel handelt, lässt sich historisch nicht entscheiden. Eine späte Chronik verlegt den Tempelbau auf den Berg Morija (2 Chr 3,1), doch dass auch der Hinrichtungsplatz dazugehört, ist Überlieferung und kein Befund. Wer daraus mehr macht, überzieht und verspielt genau das, was an der Sache tatsächlich nachprüfbar ist.
Das Lamm bleibt aus
Lies noch einmal genau nach, wonach der Junge gefragt hat. Er fragt nach einem Lamm, und sein Vater antwortet ihm mit einem Lamm.
Im Gestrüpp hängt dann ein Widder. Ein Widder ist kein Lamm, und der Erzähler weiß das ganz genau, denn er benutzt beide Wörter im selben Kapitel und verwechselt sie an keiner Stelle.
Die Frage des Kindes bleibt an diesem Tag also offen. Abraham hat recht behalten. Nur nicht auf diesem Berg.
Etwa zwei Jahrtausende später steht ein Mann am Jordan, zeigt auf einen anderen und sagt: „Seht, das Lamm Gottes“ (Joh 1,29). Dort wird die Frage des Jungen zum ersten Mal beantwortet, und was dieser Mann später am Kreuz gesagt hat, gehört in dieselbe Linie. Der Katechismus, das Handbuch, in dem die katholische Kirche durchnummeriert zusammenfasst, was sie glaubt, nennt Abrahams Gang den Höhepunkt eines Betens ohne jede Sicherheit (KK 2572).
Woran der Alte auf dem Weg gedacht hat, sagt der Hebräerbrief ganz trocken: dass Gott die Macht hat, Tote aufzuwecken (Hebr 11,19). Ein Vater, der ernsthaft damit rechnet, kann tatsächlich „wir“ sagen, ohne zu lügen.
Du hast auch so einen Isaak, und du weißt sofort, welcher es ist. Etwas, an dem dein ganzer Entwurf vom guten Leben hängt: ein Kind, eine Arbeit, ein Ruf, eine Sicherheit, die dich abends überhaupt erst einschlafen lässt. Und du kennst vermutlich auch die drei Tage, in denen niemand antwortet, obwohl du längst gefragt hast, wo das Lamm bleibt.
Der Junge auf dem Berg hat an diesem Tag keine Antwort bekommen. Bekommen hat er sie trotzdem. Nur viel später.
Quellen
- Gen 22,1-19 (Einheitsübersetzung 2016) — die Prüfung Abrahams
- Gen 22,7-8 (Einheitsübersetzung 2016) — die Frage nach dem Lamm und Abrahams Antwort
- Jer 7,31 (Einheitsübersetzung 2016) — das Kinderopfer als etwas, das Gott nie befohlen hat
- Joh 1,29 (Einheitsübersetzung 2016) — „Seht, das Lamm Gottes“
- Hebr 11,17-19 (Einheitsübersetzung 2016) — Abraham rechnet mit der Macht, Tote aufzuwecken
- 2 Chr 3,1 (Einheitsübersetzung 2016) — der Tempelbau auf dem Berg Morija
- KK 2572 — Abrahams Glaubensgehorsam auf dem Berg Morija
- Augustinus, De Civitate Dei XVI,32: „Auch Isaak selbst trug das Holz zur Opferstätte, auf dem er dargebracht werden sollte, ebenso wie der Herr selbst sein Kreuz trug.“ Ebendort die Deutung des Widders im Gestrüpp auf die Dornenkrone.
