Er klopft. Sie bleibt liegen.
Es ist Nacht, das Haus liegt dunkel. Eine Frau liegt im Bett, während vor ihrer Tür der Mann steht, den sie liebt; Tau tropft aus seinem Haar. Er klopft und ruft nach ihr, doch drinnen bleibt es still.
Sie hört ihn und zögert trotzdem. Ihr Kleid liegt schon am Boden, ihre Füße sind gewaschen; noch einmal aufstehen, noch einmal durch den kalten Raum gehen? Der Geliebte wartet draußen, während die Sekunden gegen ihn laufen.
Dann bewegt sich seine Hand am Riegel, und sie springt auf. Als ihre Finger die Tür berühren, ist draußen niemand mehr. Nur ein warmer, schwerer Geruch ist geblieben, als hätte die Nacht seine Spur für einen letzten Atemzug festgehalten.
„Mein Geliebter klopft.“ (Hld 5,2)
Jetzt hält sie nichts mehr im Haus. Ohne Schutz läuft sie in die dunklen Straßen, fragt die Wächter und ruft andere Frauen zu Hilfe. Die Wächter schlagen sie, reißen ihr den Mantel weg, doch sie sucht weiter.
BettSie hörtStation öffnenStation schließen
Im Bett ist der Geliebte nur eine Stimme. Noch kann sie liegen bleiben und den Ruf vertagen.
TürSie zögertStation öffnenStation schließen
Am Riegel entscheidet sich die Szene. Als sie öffnet, ist der Augenblick bereits vorüber.
StadtSie riskiertStation öffnenStation schließen
Die Suche kostet Schutz und Ansehen. Selbst die Gewalt der Wächter bringt sie nicht zurück ins Bett.
GartenSie findetStation öffnenStation schließen
Der Garten wird zum Ort der Nähe. Dort spricht der Körper, und die Suche wird zur Begegnung.
Als sie ihn endlich findet, hält sie ihn fest und will ihn nicht mehr loslassen. Doch später beginnt alles noch einmal. Nähe wird geschenkt, Entfernung bricht herein, und jedes Wiedersehen trägt die Erinnerung an den Verlust.
Wen sucht sie wirklich?
Das Hohelied nennt den Mann nicht beim Namen; er ist einfach „mein Geliebter“, und dadurch wird die Tür größer als diese eine Nacht. Schon frühe Christen erkannten in seinem Kommen Jesus Christus, der den Menschen sucht und auf seine Antwort wartet. An dieser Tür stehen drei Geschichten zugleich: die Liebe zwischen Mann und Frau, die Liebe Christi zu seiner Kirche und seine Liebe zu jedem einzelnen Menschen.
Die Frau bleibt deshalb eine Liebende mit Angst und Begehren, deren Sehnsucht sie durch eine feindliche Stadt treibt. Erst weil ihre menschliche Liebe ernst genommen wird, kann ihre Suche die geistliche Tiefe tragen.
Plötzlich steht eine Frage im Raum, die nicht im alten Jerusalem bleibt: Was geschieht, wenn Gott dich besucht, du zögerst und zuletzt nur noch der Duft am Riegel geblieben ist?
Der Körper spricht zuerst
Nach der Überschrift bricht die Stimme der Frau mit einem leidenschaftlichen Wunsch hervor: „Mit Küssen seines Mundes küsse er mich“ (Hld 1,2). Lippen, Atem und Haut stehen am Anfang, noch bevor ein Leser weiß, wer diese beiden sind. Die Frau begehrt, entscheidet und beschreibt den Körper des Geliebten; er antwortet mit derselben Aufmerksamkeit auf ihren.
Auch die erotischen Bilder bleiben stehen: Die Frau wird ein verschlossener Garten genannt, der Duft und Frucht in sich trägt; dann ruft sie: „Mein Geliebter komme in seinen Garten“ (Hld 4,16). Doch in Hld 3,5 zieht das Lied eine Schutzlinie: „Stört die Liebe nicht auf, weckt sie nicht, bis es ihr selbst gefällt!“ Gerade weil Begehren gut ist, darf es nicht gedrängt, benutzt oder vom freien Ja des anderen gelöst werden.
Johannes Paul der Zweite, Papst von 1978 bis 2005, nennt den Körper deshalb eine Sprache. Der Katechismus, das offizielle Handbuch der katholischen Kirche, spricht von der „geglückten Integration der Geschlechtlichkeit in die Person“. Der Leib soll wahr sprechen: Ich schenke mich dir; ich gebrauche dich nicht.
Damit verändert sich die nächtliche Szene noch einmal. Gott will nicht nur, dass du etwas über ihn weißt; er kommt an die Orte, an denen du Nähe ersehnst oder aus alter Verletzung fürchtest. Dort klopft er, nicht an einer gedachten Tür.
Der Kuss erreicht den Mund
Die heilige Kommunion führt diese Bewegung in die Mitte des christlichen Lebens. Die Eucharistie ist das Sakrament, in dem Christus sich seiner Kirche unter den Gestalten von Brot und Wein schenkt. Der Besuch bleibt nicht nur ein Bild oder eine Erinnerung.
Thérèse von Lisieux war elf Jahre alt, als sie am 8. Mai 1884 zum ersten Mal die Kommunion empfing. Sie hatte lange auf diesen Morgen gewartet und nannte ihn später den ersten Kuss Jesu für ihre Seele, einen Kuss der Liebe.
So berühren sich Erde und Himmel. Auf der Erde beginnt Liebe mit einem Ruf, einer Tür und einem Körper, der sich nach einem anderen sehnt; in der Kommunion gibt Christus sich selbst, und im Himmel wird diese begonnene Nähe vollendet. Du kennst vielleicht den Augenblick vor der Tür, das Zögern und die Angst, wieder verwundet zu werden; vielleicht hörst du den Ruf erst, als es still wird, doch das Hohelied verschweigt diese Nacht nicht.
Aber es endet auch nicht an der leeren Tür, bei den Schlägen der Wächter oder am Verlust des Mantels. „Die Liebe ist stark wie der Tod“ (Hld 8,6). Sie sucht, wartet, wird verwundet und kommt wieder, bis die Nacht ihren Anspruch über den Menschen verliert.
Passt zu diesem Befund noch das schnelle Urteil von einer leibfeindlichen Kirche? Sie nennt Sexualität ein Gut und liest den Leib als Sprache der Person; darum verbindet sie Lust mit Freiheit, Begehren mit Treue und Hingabe mit Verantwortung. Sie nimmt den Körper so ernst, dass Liebe in ihm wahr werden muss.
Der Geliebte beantwortet das Zögern der Frau nicht mit Verurteilung. Er klopft wieder. Der Tau in seinem Haar verrät, wie lange er schon wartet; seine Geduld lässt ihr die Freiheit zu antworten.
Quellen
- Hoheslied 1–8, Einheitsübersetzung 2016 – die Liebesdichtung und die nächtliche Suche
- EWTN.TV Mediathek: Serie „Das Hohelied“ von Nina Heereman – Gott will im Menschen wohnen und ruft ihn zur Antwort
- Andreas Schmidt: Wie schön ist deine Liebe – geistliche Auslegung des Hohenlieds
- Johannes Paul II., Generalaudienz vom 23. Mai 1984 – Körper, menschliche Liebe und Gottes Liebesbund
- Johannes Paul II., Generalaudienz vom 6. Juni 1984 – Eros und Agape
- Katechismus der Katholischen Kirche, Kompendium, Fragen 487–496 – Geschlechtlichkeit, Keuschheit und eheliche Hingabe
- Katechismus der Katholischen Kirche, KK 1322–1419 – Eucharistie als Quelle und Höhepunkt des christlichen Lebens
- Sanctuaire de Lisieux: Thérèse-Museum – Erste Kommunion und der „erste Kuss“ Jesu
