Noch dunkel, und sie geht trotzdem
Es ist noch dunkel, als sie losgeht, und sie braucht kein Licht, weil sie den Weg kennt. Sie hat vorgestern zugesehen, wie der Mann, dem sie seit Jahren nachgelaufen ist, an einem Balken erstickt ist, und sie will heute nur eines: einen Toten versorgen.
Am Grab angekommen, steht sie vor einem offenen Loch. Der schwere Stein liegt zur Seite, die Kammer ist leer, und der Leichnam ist verschwunden.
Sie rennt zurück in die Stadt und sagt den beiden Männern, die noch erreichbar sind, den Satz, der ihre ganze Deutung enthält: Sie haben den Herrn weggenommen, und wir wissen nicht, wohin sie ihn gelegt haben.
Von einer Rückkehr aus dem Grab redet sie an dieser Stelle nicht. Sie rechnet mit Grabräubern, wie jeder vernünftige Mensch damals mit Grabräubern gerechnet hätte.
Die beiden Männer laufen los, sehen die Leinenbinden liegen, sehen das zusammengelegte Schweißtuch daneben und gehen wieder nach Hause. Sie bleibt stehen und weint.
Dann dreht sie sich um. Da steht ein Mann, den sie nicht erkennt, und sie hält ihn für den Gärtner, was in einem Garten am Morgen die naheliegendste Erklärung ist.
Sie bietet ihm sogar an, den Leichnam selbst wegzutragen, falls er ihn beiseitegeschafft hat. Eine Frau allein, mit einem erwachsenen Toten auf dem Rücken, in aller Frühe. Dann sagt der Fremde ein einziges Wort.
„Maria!“ (Joh 20,16)
Nicht: Fürchte dich nicht. Nicht: Ich bin es. Ihr Name.
Sie antwortet mit einem einzigen Wort zurück, und es ist nicht einmal Griechisch, sondern die Sprache, in der die beiden immer geredet haben: „Rabbuni“, mein Meister.
Warum sollte man einer Frau glauben?
Und genau hier fängt das Problem an, das die frühe Kirche mit dieser Erzählung hatte. In der Welt des ersten Jahrhunderts galt das Wort einer Frau vor Gericht wenig. Der jüdische Geschichtsschreiber Josephus, der wenige Jahrzehnte später schreibt, hält ausdrücklich fest, dass Frauen wegen des Leichtsinns ihres Geschlechts nicht als Zeuginnen zugelassen werden sollen.
Wie streng das in der Praxis gehandhabt wurde, ist unter Fachleuten umstritten, und wer daraus ein hartes Gesetz macht, geht weiter, als die Quellen erlauben. Unstrittig ist die Richtung: Eine Frau war als Kronzeugin die denkbar schlechteste Wahl.
Wer eine Auferstehungsgeschichte erfindet, um eine Bewegung zu gründen, beginnt sie also nicht so. Er beginnt sie mit Petrus, dem Anführer, oder mit einer Gruppe angesehener Männer, die sich gegenseitig bestätigen können.
Alle vier Evangelien tun das nicht. In allen vier stehen Frauen am Anfang, und in dem Bericht, den wir hier lesen, steht eine Einzelne.
Bleibt die Frage, die sich daraus ergibt: Warum sollte man eine Geschichte so erzählen, wenn sie erfunden ist?
Was die Kirche daraus gemacht hat
Der Katechismus, das durchnummerierte Handbuch, in dem die katholische Kirche zusammenfasst, was sie glaubt, hält den Befund trocken fest: Die Ersten, die dem Auferstandenen begegneten, waren Maria von Magdala und die heiligen Frauen (KK 641).
Bemerkenswert ist, dass die Kirche diesen unbequemen Anfang nie geglättet hat. Sie hätte in zweitausend Jahren tausend Gelegenheiten dazu gehabt.
Stattdessen hat sie der Frau einen Titel gegeben, der ihre Rolle sogar noch verschärft. Sie heißt in der Überlieferung die Apostelin der Apostel, also die Botin für die Boten.
Der Ausdruck taucht schon im dritten Jahrhundert auf und wird von Hrabanus Maurus, einem Gelehrten und Abt des neunten Jahrhunderts, weitergetragen. Er meint schlicht: Die Nachricht, auf der alles Weitere aufbaut, hat sie den anderen gebracht.
Papst Franziskus hat ihren Gedenktag 2016 in den Rang eines Festes erhoben, wie ihn die Apostel haben. Das ist keine Auslegung, das steht im Kalender.
Er hat nichts erklärt
Und jetzt zurück zu dem einen Wort am Grab. Er hält keinen Vortrag über den Tod, er beweist nichts, er zeigt zuerst keine Wunden. Er sagt ihren Namen, und daran erkennt sie ihn.
Sie hat ihn vorher angesehen und nicht erkannt. Erst als sie ihren eigenen Namen hört, ist sie sich sicher, und das ist die vielleicht menschlichste Stelle des ganzen Berichts.
Du kennst diesen Unterschied vermutlich. Es gibt Leute, die deinen Namen aussprechen wie eine Anrede aus einer Datenbank, und es gibt zwei oder drei Menschen, bei denen derselbe Name anders klingt.
Sie war nicht die Erste, weil sie besonders fromm war oder besonders geeignet. Sie war die Erste, weil sie noch da war, als die anderen längst nach Hause gegangen waren.
Quellen
- Joh 20,1-18 (Einheitsübersetzung 2016) — Maria von Magdala am leeren Grab
- Joh 20,16 (Einheitsübersetzung 2016) — „Maria!“ und die Antwort „Rabbuni“
- Mt 28,1-10; Mk 16,1-8; Lk 24,1-11 (Einheitsübersetzung 2016) — Frauen als erste Zeuginnen in allen Evangelien
- KK 641 — Maria von Magdala und die heiligen Frauen als Erste am Grab
- Flavius Josephus, Jüdische Altertümer 4,219 — Frauen sollen nicht als Zeuginnen zugelassen werden
- Hrabanus Maurus, De vita beatae Mariae Magdalenae — Weitergabe des Titels „Apostelin der Apostel“
- Kongregation für den Gottesdienst, Dekret vom 3. Juni 2016 — Erhebung des Gedenktags am 22. Juli zum Fest
