Er hebt die Hände, und dann ist er weg
Es ist später Nachmittag auf einem Hügel östlich der Stadt. Elf Männer stehen im Halbkreis, staubig und müde, seit Wochen zwischen Schock und Erleichterung. Der Zwölfte fehlt, er hat sich umgebracht.
Der Mann, um den sie herumstehen, ist vor gut sechs Wochen öffentlich hingerichtet worden, vor Zeugen, mit amtlicher Bestätigung des Todes. Seitdem taucht er auf, ohne Ankündigung, meistens dann, wenn gerade jemand isst. Zuletzt hat er sich am Ufer ein Stück gebratenen Fisch geben lassen und ihn vor ihren Augen gegessen.
Jetzt hebt er die Hände über sie. Das ist die Geste, mit der im Tempel der Priester den Segen spricht, und jeder von ihnen hat sie hundertmal gesehen.
Mitten in dieser Geste geht er. Lukas, der das aufgeschrieben hat, formuliert es sehr genau: „Und es geschah, während er sie segnete, verließ er sie und wurde zum Himmel emporgehoben“ (Lk 24,51).
Nicht danach. Währenddessen. Der Satz sagt nicht, dass der Segen zu Ende war.
Eine Wolke nimmt ihn auf. Die elf Männer stehen da und starren nach oben, und wer schon einmal am Flughafen jemanden durch eine Schleuse gehen sah, kennt diese Körperhaltung. Dann stehen plötzlich zwei Fremde in weißen Gewändern neben ihnen und stellen eine Frage, die nicht besonders taktvoll klingt.
„Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“ (Apg 1,11)
Warum geht danach keiner von ihnen traurig nach Hause?
Was als Nächstes passiert, ist der eigentliche Befund, und er ist schwer wegzuerklären. Die Männer schleichen nicht davon. Sie „kehrten in großer Freude nach Jerusalem zurück“ (Lk 24,52).
Freude. Nach einem Abschied, bei dem der wichtigste Mensch ihres Lebens zum zweiten Mal verschwindet, diesmal ohne Grab und ohne Wiedersehenstermin.
Das ist kein frommer Reflex und keine Beschönigung durch einen späteren Erzähler. Lukas kann Trauer schreiben, er tut es an anderen Stellen ausführlich, und niemand hätte sich gewundert, wenn er sie auch hier geschrieben hätte.
Bleibt eine Frage, die sich nicht wegschieben lässt. Diese Männer waren keine Schwärmer, sie hatten gerade sechs Wochen Ausnahmezustand hinter sich und wussten, wie ein Hingerichteter aussieht. Was also hatten sie begriffen, das aus einem Verlust einen Grund zum Feiern macht?
Ein Mann geht hinter den Vorhang
Um zu sehen, worauf die frühen Christen hinauswollten, muss man einen Raum kennen, den fast niemand je betreten hat. Im Tempel in Jerusalem lag hinter einem schweren Vorhang eine Kammer, das Allerheiligste, und genau ein Mensch durfte hinein: der Hohepriester, ein einziges Mal im Jahr, mit dem Blut eines Opfertiers in der Hand (Lev 16,2.34). Alle anderen warteten draußen, jedes Jahr aufs Neue.
Ein Brief des Neuen Testaments, der Hebräerbrief, schreibt über den Auferstandenen einen Satz aus denselben Bauteilen. Christus sei „nicht in ein von Menschenhand errichtetes Heiligtum hineingegangen, sondern in den Himmel selbst, um jetzt für uns vor Gottes Angesicht zu erscheinen“ (Hebr 9,24).
Ein Vorhang, ein Tag im Jahr, ein Mann, und im Jahr darauf dasselbe von vorn. Daneben: kein Vorhang, kein Termin im Kalender, keine Wiederholung. Dazwischen liegen Jahrhunderte, zwei Sprachen und zwei Verfasser, die einander nie begegnet sind.
Diese Verbindung stammt nicht von jemandem, der zwei ähnlich klingende Stellen nebeneinandergelegt hat. Der Verfasser des Briefes zieht sie selbst, über drei Kapitel hinweg, und er begründet sie mit dem einzigen Argument, das in dieser Frage zählt: Ein Opfer, das wirkt, muss man nicht wiederholen.
Was daraus folgt, sagt derselbe Brief ohne jede Feierlichkeit. Christus „lebt allezeit, um für sie einzutreten“ (Hebr 7,25). Der Mann ist nicht in den Ruhestand gegangen, er steht drinnen und redet.
Es geht nicht nach oben, es geht hinein
Der Katechismus, das durchnummerierte Handbuch, in dem die katholische Kirche zusammenfasst, was sie glaubt, formuliert das ohne Poesie: „Einzig Christus kann dem Menschen diesen Zugang eröffnen“ (KK 661). Zugang. Nicht Abschied, nicht Umzug in ein Stockwerk über den Wolken, aus dem gelegentlich jemand herunterwinkt.
An dieser Stelle behauptet die Kirche etwas, das man ablehnen kann, aber schwer missverstehen: Ein Mensch aus Fleisch und Knochen ist jetzt dort, wo Gott ist, und zwar mit demselben Leib, in dem er gestorben ist. Wer das für unmöglich hält, hat die Behauptung wenigstens richtig verstanden. Abgeschwächt wird sie nirgends.
Leo, Bischof von Rom im fünften Jahrhundert, hat den Punkt in einer Predigt so zugespitzt, dass er zuerst wie ein Widerspruch klingt. Sinngemäß: Christus sei dem Vater näher gekommen, indem er den Seinen ferner wurde. Der genaue Wortlaut steht unten in den Quellen.
Damit ist auch die Frage der beiden Männer in Weiß beantwortet. Sie ist kein Trostpflaster für Trauernde, sondern der Hinweis, dass die elf gerade in die falsche Richtung schauen.
Der Rest der Geschichte spielt nämlich nicht oben. Er spielt zehn Tage später in derselben Stadt, in der aus verängstigten Leuten öffentliche Zeugen werden.
Der Segen ist nie zu Ende gesprochen worden
Du kennst wahrscheinlich das Gefühl, dass der Himmel zu ist. Du betest und hörst nichts zurück, du sitzt in einer Kirche und spürst nichts, und wenn jemand von Gott redet, klingt es nach einem Bekannten, der seit Jahren nicht mehr ans Telefon geht.
Genau da setzt dieser Tag an, und zwar ohne Beruhigungsmittel. Er bestreitet dein Gefühl nicht, er deutet es anders: Die Abwesenheit ist kein Rückzug, sondern ein Ortswechsel mit Folgen für dich. Ob das trägt, entscheidest du nicht heute Abend.
Elf Männer sind an diesem Abend in die Stadt gelaufen und haben im Tempel Gott gelobt, nachdem sie den Wichtigsten ihres Lebens verloren hatten. Einen Beweis hatten sie nicht, nur eine Beobachtung. Das Letzte, was sie von ihm sahen, waren erhobene Hände.
Der Satz bei Lukas sagt an keiner Stelle, dass der Segen zu Ende gesprochen war. Er sagt nur, dass der Mann mittendrin gegangen ist.
Quellen
- Lk 24,50-53 (Einheitsübersetzung 2016) — der Segen, der Aufbruch und die Rückkehr „in großer Freude“
- Apg 1,1-11 (Einheitsübersetzung 2016) — die Wolke und die Frage der beiden Männer in weißen Gewändern
- Lk 24,42-43 (Einheitsübersetzung 2016) — der Auferstandene isst gebratenen Fisch
- Lev 16,2.34 (Einheitsübersetzung 2016) — der Hohepriester betritt das Allerheiligste einmal im Jahr
- Hebr 9,24-28 (Einheitsübersetzung 2016) — Christus geht nicht in ein Heiligtum aus Menschenhand, sondern in den Himmel selbst, und zwar ein für alle Mal
- Hebr 7,25 (Einheitsübersetzung 2016) — „Er lebt allezeit, um für sie einzutreten“
- KK 661 — „Einzig Christus kann dem Menschen diesen Zugang eröffnen“
- KK 659-667 — Christi Himmelfahrt, Sitzen zur Rechten des Vaters, Fürsprache als Hoherpriester
- Leo der Große, Sermo 74 (De Ascensione Domini II), Kapitel 4 — die Formel vom Näherwerden in der Gottheit bei gleichzeitigem Fernerwerden in der Menschheit; im Artikel sinngemäß wiedergegeben, nicht zitiert
- Präfation von Christi Himmelfahrt (Messbuch) — „wohin er als Erster vorausging“
