Vierzig Tage nach Ostern steht Jesus auf einem Hügel bei Betanien, hebt die Hände über seine Jünger und segnet sie. Mitten im Segen. Verlässt er sie. Wird emporgehoben. Eine Wolke nimmt ihn auf. Und die Jünger stehen da, den Mund offen, den Blick nach oben, und starren einem Mann hinterher, der eben noch Fisch mit ihnen gegessen hat.
„Was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“
Zwei Männer in weißen Gewändern stehen plötzlich neben ihnen. Engel. Oder Boten. Und ihre Frage klingt ein bisschen ungeduldig, ein bisschen brüderlich: Leute, ihr müsst nicht hochstarren. Ihr müsst loslaufen.
Das ist die Szene, mit der das Lukasevangelium endet. Jesus geht. Sichtbar. Vor den Augen seiner engsten Freunde. Und der irdische Teil der Geschichte ist zu Ende.
Aber genau hier fängt das Eigentliche erst an.
Die Story
Stell dir den Moment vor. Elf Männer. Judas ist weg, Matthias noch nicht nachgerückt. Sie stehen am östlichen Rand Jerusalems, am Ölberg. Die Sonne steht wahrscheinlich schon tief, es ist später Nachmittag, vierzig Tage nach der Auferstehung. In diesen vierzig Tagen ist viel passiert. Jesus ist ihnen erschienen, hat mit ihnen gegessen, hat über das Reich Gottes gesprochen. Er war nicht ein Geist gewesen, der sich für ein paar Minuten materialisiert und wieder verschwindet. Er war da. Leiblich. Beim Brotbrechen. Am Ufer des Sees. Hinter verschlossenen Türen.
Und dann dieser Abschied.
Lukas erzählt ihn zweimal. Einmal am Ende seines Evangeliums, einmal am Anfang der Apostelgeschichte. Im Evangelium klingt es fast zärtlich: Jesus „erhebt die Hände und segnet sie. Und es geschah, während er sie segnete, verließ er sie und wurde zum Himmel emporgehoben.“ (Lk 24,50-51). Beim Segnen geht er. Der letzte Akt, den die Jünger von Jesus am Ölberg sehen, ist: Er segnet sie. Der Auftrag kommt vorher, in Apg 1,8. Aber das letzte Bild, das bleibt, ist nicht der Befehl. Es ist der Segen.
In der Apostelgeschichte wird die Szene konkreter. Eine Wolke, in der Bibel ein Zeichen für Gottes Gegenwart, nimmt ihn auf und entzieht ihn ihren Blicken. Die Jünger starren nach oben. Zwei Männer in Weiß, dieselbe Kleidung, die später am leeren Grab auftauchen wird, fragen: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor? Dieser Jesus, der von euch fort in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen.“ (Apg 1,11).
Und dann passiert etwas, das in der Bibel selten ist: Die Jünger reagieren nicht mit Trauer. Sie „kehrten mit großer Freude nach Jerusalem zurück“ (Lk 24,52) und „waren allezeit im Tempel und priesen Gott“ (Lk 24,53). Freude. Im Tempel. Nach einer Beerdigung.
Das ist kein Trostreflex. Das ist die logische Konsequenz dessen, was gerade geschehen ist.
Was die Kirche dazu sagt
Der Katechismus macht in den Artikeln 659 bis 667 ungewöhnlich deutlich, was an Christi Himmelfahrt eigentlich passiert und warum es das Beste ist, was uns je passieren konnte. Zunächst der technische Teil: Der Leib Christi, der schon seit der Auferstehung in seinem Inneren verherrlicht war, tritt jetzt endgültig in die göttliche Herrlichkeit ein. Jesus „thront zur Rechten des Vaters“ (KK 659). „Rechts“ ist keine geographische Angabe. Johannes von Damaskus erklärt es so: „Unter der Rechten des Vaters verstehen wir die Herrlichkeit und die Ehre der Gottheit“ (KK 663). Jesus ist nicht an einen Ort im Universum umgezogen. Er ist in die göttliche Lebensfülle eingetreten. Mit seinem Leib.
Aber dann kommt der entscheidende Gedanke, und der steht in KK 661: „Einzig Christus kann dem Menschen diesen Zugang eröffnen.“ Die Himmelfahrt ist keine Flucht nach oben. Sie ist die Eröffnung eines Weges. Jesus geht nicht weg von uns, er geht voraus. Die Präfation von Christi Himmelfahrt im Messbuch formuliert es so: „Er gibt den Gliedern seines Leibes die Hoffnung, ihm dorthin zu folgen, wohin er als erster vorausging.“ Wir sind nicht zurückgelassen worden. Wir haben ein Haupt bekommen, das schon dort ist, wo wir hinkommen werden.
Und genau hier wird die Sache spannend. Papst Leo der Große hat in seiner zweiten Predigt zur Himmelfahrt (Sermo 74) im 5. Jahrhundert den Gedanken auf die Spitze getrieben: „In unaussprechlicher Weise begann er dem Vater näher zu sein in seiner Gottheit, nachdem er ferner geworden war in seiner Menschheit.“ Das klingt wie ein Rätsel, ist aber die Lösung des Rätsels. Ja, Jesus entfernt sich leiblich. Ja, er ist nicht mehr physisch greifbar. Aber gerade dadurch, dass er nicht mehr an einen Punkt im Raum gebunden ist, kann er überall sein. Augustinus bringt es in einer Predigt zur Himmelfahrt (Sermo 264) auf den kurzen Satz: „Er fuhr auf in den Himmel, damit wir, seine Glieder, dorthin folgen, wohin unser Haupt vorausgegangen ist.“ Und im selben Kontext, in Sermo 263, vielleicht die schönste Zeile, die die Kirchenväter zur Himmelfahrt geschrieben haben: „Heute ist unser Herr Jesus Christus in den Himmel aufgefahren; es fahre mit ihm empor unser Herz.“ Nicht unsere Füße. Unser Herz.
Es gibt noch einen dritten Strang. KK 667: „Da Jesus Christus ein für allemal in das Heiligtum des Himmels eingetreten ist, legt er unablässig Fürbitte für uns ein als der Mittler, der den Heiligen Geist fortwährend auf uns ausgießt.“ Die Himmelfahrt ist kein Ruhestand. Jesus sitzt nicht oben und schaut zu. Er ist Hohepriester. Er steht beim Vater für dich ein. Jetzt, in dieser Sekunde, während du das hier liest. Hebräer 7,25 ist der Grundtext dieser Hoffnung: „Er lebt allezeit, um für sie einzutreten.“ Allezeit. Nicht manchmal. Nicht wenn wir fromm sind. Allezeit.
Und deshalb ist die Frage der beiden Engel keine Tröstung für Schwärmer. Sie ist eine Anweisung für Leute, die etwas zu tun haben. Ihr steht hier nicht herum, weil ihr den Aufstieg verpasst habt. Ihr steht hier, weil ihr eine Aufgabe habt. Die Apostelgeschichte wird in den nächsten zehn Kapiteln zeigen, was das heißt: Zeugnis ablegen. Bis an die Grenzen der Erde. Aber das ist eine andere Geschichte.
Was heißt das für dich?
Du hast das wahrscheinlich schon erlebt: Du betest, und du spürst nichts. Du gehst in die Kirche, und der Himmel bleibt zu. Du liest die Bibel, und es fühlt sich an wie das Wort eines Abwesenden.
Hier wird die Himmelfahrt konkret. Jesus ist nicht weg, weil er dich vergessen hat. Er ist weg, weil er nicht mehr nur an einem Ort sein will. Er sitzt nicht mehr in Kapernaum oder Jerusalem. Er sitzt zur Rechten des Vaters. Das heißt: Er sitzt überall dort, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind (Mt 18,20). Er sitzt in jedem Tabernakel der Welt. Er sitzt in jeder Beichte. Er sitzt neben dir, wenn du um 3 Uhr nachts wach liegst und nicht weißt, wie es weitergehen soll.
Die Himmelfahrt ist das Ende der Geographie. Sie ist der Anfang von etwas viel Größerem: einer Gegenwart, die nicht an Wände, nicht an Kirchen, nicht an Ländergrenzen gebunden ist. Wenn du das nächste Mal das Gefühl hast, Gott sei weit weg, denk daran, dass der Grund für diese Weite nicht seine Gleichgültigkeit ist, sondern seine Allgegenwart.
Und der Auftrag der Engel gilt auch dir. Hör auf, nach oben zu starren. Es gibt unten Arbeit. In deiner Familie. In deiner Nachbarschaft. In deinem Betrieb. In den Kommentarspalten, in denen gerade wieder jemand schreibt, die Kirche sei machtlos und veraltet. Du musst nicht auf Wolken warten. Du musst anfangen.
Wie Augustinus sagt: Dein Fuß bleibt auf dem Boden. Aber dein Herz darf mit ihm nach oben fahren.
Quellen
- Lukas 24,50-53 (Die Himmelfahrt bei Lukas)
- Apostelgeschichte 1,1-11 (Die Himmelfahrt bei Lukas, zweiter Bericht)
- Markus 16,19 (Christus sitzt zur Rechten des Vaters)
- Johannes 20,17 (Ich gehe hinauf zu meinem Vater)
- Hebräer 7,25 (Er lebt allezeit, um für sie einzutreten)
- Hebräer 9,24 (Christus ist in den Himmel selbst hineingegangen)
- Matthäus 18,20 (Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind)
- Katechismus der Katholischen Kirche 659-667 (Christi Himmelfahrt)
- Johannes von Damaskus, De fide orthodoxa 4,2
- Leo der Große, Sermo 74 (De Ascensione Domini II), Kapitel IV
- Augustinus, Sermo 263 (De Ascensione Domini)
- Augustinus, Sermo 264 (De Ascensione Domini)
- Augustinus, Tractatus in Ioannis Evangelium 78,3
- Präfation von Christi Himmelfahrt (Messbuch)
