Der Tag, an dem ihm die Leute wegliefen
Am Tag zuvor hatten sie ihn zum König machen wollen, mit Gewalt, wenn es sein musste. Er hatte am Ufer ein paar Tausend Menschen mit fünf Broten satt bekommen, und die Stimmung war entsprechend.
Jetzt steht er in einer Synagoge und redet, und die Stimmung dreht sich mit einem einzigen Satz. Er sagt, das Brot, das er geben werde, sei sein Fleisch für das Leben der Welt (Joh 6,51). Wer es nicht isst und sein Blut nicht trinkt, habe kein Leben in sich.
Die Zuhörer sind Juden. Für sie ist Blut das Einzige, was man unter keinen Umständen zu sich nimmt, das steht so im Gesetz. Was dieser Mann gerade vorgeschlagen hat, klingt nach dem Gegenteil von allem, was sie gelernt haben.
Sie sagen es ihm auch: „Was er sagt, ist unerträglich. Wer kann das anhören?“ (Joh 6,60)
Und jetzt kommt die Stelle, an der die Geschichte einen anderen Verlauf hätte nehmen können. Unter den Zuhörern sind auch seine Jünger, also die Leute, die Beruf und Wohnort aufgegeben haben, um mit ihm herumzuziehen; er hätte zu ihnen sagen können, das sei ein Bild und übertragen gemeint. Er sagt es nicht.
„Daraufhin zogen sich viele seiner Jünger zurück und wanderten nicht mehr mit ihm umher.“ (Joh 6,66)
Viele gehen. Er ruft keinen zurück. Stattdessen dreht er sich zu den zwölf Übriggebliebenen um und fragt sie, ob sie auch gehen wollen.
Warum lässt jemand seine Leute wegen eines Missverständnisses ziehen?
Das ist der Punkt, an dem die üblichen Erklärungen nicht mehr greifen. Wenn jemand bildlich gesprochen hat und daraufhin sein halbes Publikum verliert, klärt er das auf.
Genau das tut dieser Mann an anderen Stellen ständig. Als seine Leute den „Sauerteig der Pharisäer“ für eine Bemerkung über Backwaren halten, korrigiert er sie auf der Stelle. Als sie ein Gleichnis nicht verstehen, nimmt er sie beiseite und erklärt es ihnen Punkt für Punkt.
Hier nicht. Im Gegenteil, er verschärft und wechselt mitten in der Rede das Verb: Aus dem gewöhnlichen Wort für essen wird eines, das eher kauen bedeutet, das Wort, das man sonst für Tiere benutzt. Bleibt die Frage, die sich nicht wegschieben lässt: Was hat er gemeint, wenn er nicht bereit war, es abzumildern, obwohl es ihn die Hälfte seiner Anhänger gekostet hat?
Ein Mönch in Paris nennt es beim Namen
Rund tausend Jahre später sitzt in Paris ein schwergewichtiger Dominikaner an einem Schreibtisch und beantwortet diese Frage in einem Ton, den heute kaum noch jemand anschlägt.
Thomas von Aquin, Ordensmann und Universitätslehrer im 13. Jahrhundert, schreibt sinngemäß: Manche hätten behauptet, Christi Leib und Blut seien in diesem Sakrament nur als Zeichen gegenwärtig. Diese Auffassung sei zu verwerfen, weil sie den Worten Christi widerspreche.
Zu verwerfen. Nicht unpräzise, nicht verkürzt. Er benutzt das schärfste Wort, das die Theologie seiner Zeit kennt, und der Katechismus, das durchnummerierte Handbuch, in dem die katholische Kirche zusammenfasst, was sie glaubt, zitiert ihn dafür bis heute.
Sein Vorschlag ist dann nicht fromm, sondern technisch, und er borgt sich die Begriffe bei einem heidnischen Philosophen aus dem vierten Jahrhundert vor Christus. Was ein Ding im Innersten ist, wird verwandelt; was du siehst, riechst, schmeckst und wiegst, bleibt unverändert.
Die Kirche hat dafür knapp dreihundert Jahre später ein Wort festgeschrieben, das seitdem an dieser Lehre klebt: Wesensverwandlung (KK 1376). Wer nach dem Abendmahl eine Hostie ins Labor gibt, findet Weizenmehl. Das bestreitet niemand, und es ist auch nicht der Punkt.
Die Zumutung bleibt stehen
An dieser Stelle wird gern abgebogen. Man kann sagen, das sei symbolisch gemeint, tief empfunden, ein starkes Zeichen der Gemeinschaft.
Das kann man sagen. Nur behauptet die katholische Kirche etwas anderes, und sie tut es seit fast zwei Jahrtausenden ohne Rabatt: dass in einem Stück Brot ein lebendiger Mensch gegenwärtig ist.
Das ist entweder wahr oder es ist absurd. Etwas dazwischen gibt es nicht, und wer es dazwischen ansiedelt, hat die Behauptung nur höflich unkenntlich gemacht. Ein Skeptiker kann mit dem harten Satz mehr anfangen als mit dem weichen.
Genau deshalb sind an jenem Tag Leute weggelaufen. Sie hatten begriffen, was gesagt worden war, und sie hielten es für unerträglich. Das war eine ehrliche Reaktion.
Thomas hat übrigens auch geschrieben, warum das Ganze überhaupt sein soll, und dieser Teil wird selten zitiert. Er nennt dieses Sakrament ein Zeichen der größten Liebe, weil Christus so eng wie irgend möglich bei den Seinen sein wolle. Es geht dabei nicht um eine Theorie, sondern um Nähe.
Wie eng, das steht schon in derselben Rede, die die Leute vertrieben hat: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm“ (Joh 6,56). Bleiben. Nicht sich erinnern.
Was die Zwölf geantwortet haben
Es lohnt sich, die Antwort auf die Frage nachzulesen, ob die zwölf ebenfalls gehen wollen, denn sie ist weder ein Glaubensbekenntnis noch ein Argument. Petrus sagt: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens“ (Joh 6,68).
Das ist die Antwort eines Mannes, der selbst keine bessere Erklärung hat und das auch nicht verbirgt. Du kennst diese Lage wahrscheinlich aus ganz anderen Zusammenhängen. Es gibt Punkte, an denen du nichts mehr verstehst und trotzdem sitzen bleibst, weil dir das, was du verlassen würdest, wichtiger ist als das, was du nicht begreifst.
Wenn du in eine katholische Kirche gehst, steht dort meist eine Lampe, die nie ausgeht, und daneben ein verschlossenes Kästchen. Was das mit den anderen sechs sichtbaren Zeichen der Kirche zu tun hat, ist eine eigene Geschichte.
Die Lampe brennt nicht für eine Idee und nicht für eine Erinnerung. Das jedenfalls behauptet die Kirche, unverändert, seit jenem Tag in der Synagoge.
Quellen
- Joh 6,51-58 (Einheitsübersetzung 2016) — die Rede vom Brot des Lebens
- Joh 6,60.66-69 (Einheitsübersetzung 2016) — „Wer kann das anhören?“, der Weggang vieler Jünger und die Antwort des Petrus
- Lev 17,10-14 (Einheitsübersetzung 2016) — das Verbot, Blut zu sich zu nehmen
- Mt 16,5-12 (Einheitsübersetzung 2016) — Jesus korrigiert das Missverständnis vom Sauerteig ausdrücklich
- 1 Kor 10,16-17 (Einheitsübersetzung 2016) — das gebrochene Brot als Teilhabe am Leib Christi
- KK 1376 — Wesensverwandlung, im Anschluss an das Konzil von Trient
- KK 1381 — der Katechismus zitiert Thomas von Aquin gegen die rein zeichenhafte Deutung
- Thomas von Aquin, Summa Theologiae III, q. 75, a. 1 — Verwerfung der rein zeichenhaften Deutung; „signum caritatis maximae“; im Artikel sinngemäß wiedergegeben, nicht zitiert
- Konzil von Trient, 13. Sitzung (1551) — „wahrhaft, wirklich und substanzhaft“
- Papst Paul VI., Enzyklika Mysterium Fidei (1965), Nr. 18 — Bekräftigung gegen die Reduktion auf ein Zeichen
