Stell dir eine Nacht in Jerusalem vor. In einem Haus, bei Kerzenlicht, sitzt ein Mann einem anderen Mann gegenüber. Der eine ist Jesus. Der andere ist Nikodemus, Mitglied des höchsten Rats, ein gebildeter, frommer, peinlich korrekter Jude. Nikodemus ist heimlich gekommen, unter dem Schutz der Dunkelheit, weil er etwas begriffen hat, das er in der Öffentlichkeit nie aussprechen würde: Dieser Jesus meint es ernst. Er meint es ernst mit Gott. Und Nikodemus will wissen, was das für ihn bedeutet.
Er fragt: „Wie kann ein Mensch, der schon alt ist, geboren werden?“ Jesus antwortet nicht mit einem Kurs. Er antwortet mit einer einzigen, schockierenden Aussage: „Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus dem Wasser und dem Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen“ (Joh 3,5). Aus dem Wasser geboren. Wie ein Säugling, der nass und schreiend auf die Welt kommt. Das ist die Taufe – und sie ist der Anfang von allem.
Dann spring mit mir ans Ende seines irdischen Wegs. Ein Abendmahlssaal. Jesus nimmt Brot, bricht es, reicht es seinen Jüngern: „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis“ (Lk 22,19). Aus dem Wasser wird Brot. Aus dem Anfang wird Mitte. Und mittendrin liegt die Firmung, wie wir sie in der Apostelgeschichte sehen: Petrus und Johannes legen den frisch Getauften in Samarien die Hände auf, und der Heilige Geist kommt über sie (Apg 8,14-17). Was mit Wasser begonnen wurde, wird mit Feuer vollendet.
Dann kommt die Nacht, in der alles kippt. Jesus steht vor den Seinen, haucht sie an – wie Gott den Lebensatem in Adam blies – und sagt: „Empfangt den Heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen“ (Joh 20,22-23). Die Beichte. Später, in den Häusern der Christen, werden Kranke gerufen, die Ältesten salben sie mit Öl im Namen des Herrn (Jak 5,14). Und dann die Szene, in der Paulus den Ehemännern schreibt: „Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat“ (Eph 5,25). Die Ehe. Und am Altar der Mann, der seine Hände auf einen anderen legt, so wie es in Antiochia geschah, als Paulus und Barnabas für die Sendung ausgesondert und unter Gebet die Hände aufgelegt wurden (Apg 13,2-3). Die Weihe.
Sieben Zeichen. Sieben Begegnungen mit demselben Herrn. Und alle hängen an ihm. Keines steht für sich allein. Nimm eines weg, und die anderen werden stumm.
Was die Kirche dazu sagt
Der heilige Leo der Große hat im 5. Jahrhundert etwas Entscheidendes über die Sakramente gesagt. In seiner Predigt 74,2 schreibt er: „Was an unserem Erlöser sichtbar war, ist in seine Mysterien übergegangen.“ Was Jesus mit seinen Händen getan hat – die Kranken berührt, die Kinder gesegnet, das Brot gebrochen – das tut er heute durch die Sakramente weiter. Die sichtbaren Zeichen sind keine Erinnerungsstücke. Sie sind die Fortsetzung seines irdischen Wirkens.
Der Katechismus legt in KK 1210 fest, was die Kirche offiziell lehrt: „Die Sakramente des Neuen Bundes sind von Christus eingesetzt. Es gibt sieben Sakramente: die Taufe, die Firmung, die Eucharistie, die Buße, die Krankensalbung, die Weihe und die Ehe.“ Nicht mehr. Nicht weniger. Sieben. Die Zahl ist nicht verhandelbar. Sie steht fest seit dem Konzil von Trient, und jede seriöse Erklärung des katholischen Glaubens beginnt mit dieser Liste.
Der Katechismus formuliert in KK 1127 den entscheidenden Satz: „Die im Glauben würdig gefeierten Sakramente verleihen die Gnade, die sie bezeichnen.“ Sie sind nicht Symbole, die an etwas erinnern, sondern Werkzeuge, die etwas tun. Thomas von Aquin erklärt das in der Summa Theologiae (III, q.68,8) so: „Das Sakrament wird nicht durch die Gerechtigkeit des Menschen, der [das Sakrament] spendet oder empfängt, sondern durch die Kraft Gottes vollzogen“ (KK 1128). Ex opere operato – durch das vollzogene Werk. Das heißt: Es kommt nicht auf deine Frömmigkeit an, nicht auf die Würdigkeit des Priesters, nicht auf dein Gefühl. Es kommt auf Christus an, der in seinem Sakrament handelt.
Und dann kommt das Bild, das alles zusammenhält. Der Katechismus (KK 1211) zitiert wieder Thomas: „Alle anderen Sakramente sind auf sie als auf ihr Ziel hingeordnet“ (s. th. 3,65,3). Die Eucharistie ist das „Sakrament der Sakramente“. Die anderen sechs münden in sie wie Flüsse ins Meer. In jeder heiligen Messe empfängst du den, der all das hier möglich macht: Jesus Christus, leibhaftig, gegenwärtig, für dich. Augustinus bringt es auf den Punkt, wenn er die Eucharistie im 22. Buch von De Civitate Dei als das „Sakrament der Einheit“ bezeichnet (KK 1118). Was am Kreuz begonnen hat, wird am Altar gegenwärtig. Was am Kreuz geopfert wurde, wird dir gegeben.
Zum Schluss: Was die Sakramente imstande sind zu tun, fasst der Katechismus in KK 1129 so zusammen: „Die Sakramente sind notwendig zum Heil.“ Nicht als fromme Empfehlung. Als notwendig. Wer getauft ist, gehört dazu. Wer zur Beichte geht, steht wieder auf. Wer die Eucharistie empfängt, wird genährt. Wer die Ehe als Sakrament lebt, wird zum Zeichen Christi für seinen Nächsten. Wer die Weihe empfängt, handelt in der Person Christi. Wer die Krankensalbung empfängt, wird gestärkt für das, was kommt. Siebenmal greift Gott nach dir. Siebenmal sagt er: Du bist nicht allein.
Was heißt das für dich?
Du kennst wahrscheinlich zwei oder drei Sakramente aus eigener Erfahrung. Vielleicht die Taufe, die Kommunion, die Hochzeit eines Freundes. Aber was ist mit den anderen? Wann hast du das letzte Mal das Bußsakrament empfangen – nicht aus Gewohnheit, sondern weil du wirklich die Last loswerden wolltest? Wann hast du das letzte Mal einen Krankenbesuch gemacht und dabei an die Krankensalbung gedacht? Wann hast du das letzte Mal bewusst eine heilige Messe gefeiert – nicht als Pflichttermin, sondern als Begegnung mit dem auferstandenen Christus?
Drei kleine Schritte für diese Woche:
- Frag dich ehrlich: Welches der sieben Sakramente habe ich seit Jahren nicht mehr empfangen? Die Beichte? Die Krankensalbung für einen alten, kranken Verwandten? Kein Vorwurf – nur eine ehrliche Frage. Die Firmung wird in der Regel nur einmal empfangen, die Krankensalbung kann im Krankheitsfall immer wieder empfangen werden.
- Ruf in deiner Pfarrei an. Frag nach den nächsten Beichtzeiten, nach einem Gespräch über die Krankensalbung, nach einem Krankenkommunion-Dienst. Das sind keine exotischen Sonderaktionen – das ist das, wofür die Kirche da ist.
- Schau in den Katechismus. Wirklich. Die KK-Abschnitte 1210-1211 passen auf zwei Seiten. Zehn Minuten Lesen. Mehr nicht.
Die Sakramente sind kein frommes Beiwerk. Sie sind das, was bleibt, wenn alles andere wegfällt. Wenn dein Gebet verstummt. Wenn die Bibel dir nichts mehr sagt. Wenn du nicht mehr weißt, ob du glaubst. Dann ist da immer noch das Wasser, das Brot, das Öl, der Ring, die Handauflegung. Sieben sichtbare Zeichen, durch die Gott unsichtbar handelt. Er wartet. Geh hin.
Quellen
- Joh 3,5 (Taufe)
- Joh 20,22-23 (Buße)
- Jak 5,14 (Krankensalbung)
- Joh 6,35.54 (Eucharistie)
- Apg 8,14-17 (Firmung)
- Apg 13,2-3 (Weihe)
- Eph 5,25.31-32 (Ehe)
- Lk 22,19 (Eucharistie-Einsetzung)
- KK 1210 (Die sieben Sakramente)
- KK 1211 (Gliederung: Initiation – Heilung – Dienst)
- KK 1127 (Sakramente wirken, was sie bezeichnen)
- KK 1128 (Ex opere operato)
- KK 1129 (Heilsnotwendigkeit)
- KK 1130 (Sakrament als dreifaches Zeichen)
- KK 1115 (Leo der Große, serm. 74,2)
- KK 1118 (Augustinus, De Civitate Dei 22,17)
- Thomas von Aquin, Summa Theologiae III, q.60,3; q.65,1; q.65,3; q.68,8
