Der Schaden zeigt sich erst Wochen später
Ein Feld, frisch gesät, die Furchen sauber, der Bauer zufrieden mit seinem Tagwerk. In der Nacht kommt jemand, der ihm etwas will, und streut Unkraut zwischen die junge Saat, gleichmäßig und ohne Eile. Dann geht er nach Hause und legt sich schlafen.
Am nächsten Morgen sieht man nichts, in der Woche darauf ebenfalls nicht, und genau darin liegt die ganze Bosheit dieser Tat. Erst als die Halme schießen, wird der Schaden sichtbar, und da steht das fremde Kraut bereits mitten im Bestand und teilt sich mit dem Weizen den Boden. Die Arbeiter gehen zum Besitzer und stellen die Frage, die jeder von uns an ihrer Stelle stellen würde.
„Herr, willst du also, dass wir gehen und es ausreißen?“ (Mt 13,28)
Sie wollen Ordnung, sie wollen, dass das, was nicht dazugehört, auch nicht stehen bleibt, und sie wollen es sofort. Ihr Vorschlag ist vernünftig, sie sind die Guten in dieser Szene, und trotzdem bekommen sie ein Nein.
Der Besitzer begründet es sachlich: „Nein, damit ihr nicht zusammen mit dem Unkraut den Weizen ausreißt“ (Mt 13,29). Die Wurzeln sind längst ineinandergewachsen, und wer jetzt zieht, reißt beides heraus.
„Lasst beides wachsen bis zur Ernte“ (Mt 13,30). Erst dann, wenn der Unterschied für jeden von selbst erkennbar ist, wird getrennt, und dann auch gründlich.
Das klingt nach einer Ausrede
An dieser Stelle sollte man den härtesten Einwand aussprechen, statt ihn zu umgehen. Er lautet: Diese Erzählung ist die bequemste Ausrede der Religionsgeschichte.
Ein Gott, der zusieht, wie Kinder verhungern und Betrüger reich werden, und der das mit landwirtschaftlichem Fachwissen begründet, hat entweder keine Macht oder kein Interesse. Wer das schon einmal gedacht hat, denkt nichts Verbotenes, sondern etwas Naheliegendes.
Dazu kommt der Verdacht, dass hier vor allem eine Institution ihre eigenen Leichen im Keller entschuldigt. Das Gleichnis ist über Jahrhunderte genau dafür benutzt worden, und wer diesen Verdacht hat, kann sich auf eine lange Reihe von Beispielen stützen.
Ehrlicherweise gehört noch etwas dazu: Der Text sagt kein Wort darüber, was mit den Opfern geschieht, solange das Unkraut stehen bleibt. Diese Lücke füllt keine Auslegung, und sie ist der Grund, warum viele Menschen an dieser Stelle aussteigen. Bleibt die Frage, die der Text bis hierher offen lässt: Warum sollte Warten besser sein als Handeln?
Wer im Feld steht
Jesus deutet das Gleichnis selbst, und das ist ungewöhnlich, denn meistens tut er es nicht. Der Sämann ist der Menschensohn, der Acker die Welt, die Ernte das Ende der Zeit, die Schnitter sind die Engel (Mt 13,37-39).
Damit ist eines schon entschieden, bevor irgendjemand auslegt: Das Sortieren ist vergeben. Es liegt nicht bei den Arbeitern, nicht bei den Frommen und nicht bei der empörten Öffentlichkeit, sondern bei Wesen, die im Text ausdrücklich nicht zur Belegschaft gehören.
Das ist die eigentliche Zumutung. Nicht, dass es ein Gericht gibt, sondern dass es eines gibt, an dem du nicht beteiligt bist, obwohl du das Urteil längst geschrieben hast.
Rund dreihundert Jahre später wird dieselbe Geschichte in Nordafrika zur schärfsten Waffe einer Auseinandersetzung. Der Anlass ist konkret: Während der letzten großen Christenverfolgung hatten Amtsträger die heiligen Bücher an die Behörden herausgegeben, um ihre Haut zu retten.
Eine große Bewegung verlangte danach, diese Leute und alle, die von ihnen getauft worden waren, müssten hinaus, sonst sei die Kirche keine Kirche mehr. Der Streit dauerte Jahrzehnte und spaltete ganze Städte in zwei Gemeinden mit zwei Bischöfen.
Augustinus, Bischof der Hafenstadt Hippo, antwortet ihnen mit dem Feld. Die Guten und die Bösen, schreibt er sinngemäß, wachsen bis zur Ernte miteinander auf, und niemand kann vorher wissen, was aus wem noch wird.
Das Argument ist unbequem für beide Seiten. Es nimmt der Kirche die Möglichkeit, sich für sauber zu erklären, und es nimmt ihren Gegnern die Möglichkeit, sie deshalb abzuschreiben.
Der Katechismus, das durchnummerierte Handbuch, in dem die katholische Kirche zusammenfasst, was sie glaubt, hat diesen Satz übernommen und ihn gegen sich selbst gerichtet. Die Kirche umfasse in ihrem eigenen Schoß Sünder, sei zugleich heilig und stets reinigungsbedürftig (KK 827).
Die Rechnung, die gegen dich läuft
Und jetzt lies noch einmal, worin die Begründung des Besitzers eigentlich besteht. Nicht darin, dass das Unkraut harmlos wäre. Sondern darin, dass es zu nah am Weizen steht.
Ein einziges Wort trägt hier die ganze Sache, und es steht mitten im Satz: zusammen. „Damit ihr nicht zusammen mit dem Unkraut den Weizen ausreißt.“
Wer sortiert, trifft nie nur den, den er treffen will. Das ist keine fromme Beschwichtigung, sondern eine Beobachtung, die jeder kennt, der schon einmal in einer Familie oder einem Betrieb dabei war, als endlich aufgeräumt wurde.
Du hast in deinem Leben vermutlich schon ausgerissen: den Kollegen, der dich hängen ließ, die Freundin, die ausgetreten ist und seitdem nur noch spottet, den Verwandten, dessen Nummer du irgendwann gelöscht hast. Wahrscheinlich hattest du in jedem einzelnen Fall recht, und trotzdem ist neben dem Unkraut noch etwas anderes mit herausgekommen.
Und du kennst mit einiger Sicherheit auch die andere Seite. Es gab Phasen, in denen du selbst wie Unkraut ausgesehen hast, laut, ungerecht oder einfach nicht ansprechbar, und irgendjemand hat dich trotzdem stehen lassen, obwohl er gute Gründe gehabt hätte, es nicht zu tun.
Das Gleichnis nimmt niemandem das Gericht weg, im Gegenteil: Am Ende wird gebündelt und verbrannt, und der Text macht daraus kein Geheimnis. Er verschiebt nur den Termin und den Zuständigen, und beides liegt nicht bei dir.
Die Geduld, die dich bei anderen ärgert, ist genau dieselbe, von der du selbst seit Jahren lebst. Das ist der ganze Trick an dieser Geschichte. Er wirkt erst, wenn man merkt, auf welcher Seite man steht.
Quellen
- Mt 13,24-30 (Einheitsübersetzung 2016) — das Gleichnis vom Unkraut im Weizen
- Mt 13,36-43 (Einheitsübersetzung 2016) — die Deutung durch Jesus selbst
- KK 827 — die Kirche umfasst Sünder und ist stets reinigungsbedürftig
- KK 1040 — der Tag und die Stunde des Gerichts sind allein dem Vater bekannt
- Augustinus, Quaestiones Evangeliorum 2,21 — Gute und Böse wachsen bis zur Ernte gemeinsam
