Zwei Züge treffen sich am Stadttor
Am Stadttor treffen zwei Menschenmengen aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die eine kommt von außen herein, laut und in Bewegung, unterwegs hinter einem Wanderprediger her, den in diesen Wochen halb Galiläa sehen will. Die andere kommt langsam heraus und trägt eine Bahre.
Auf der Bahre liegt der einzige Sohn einer Witwe. Hinter ihm läuft die Mutter, und hinter ihr laufen viele Leute aus der Stadt, weil in einem Ort dieser Größe alle mitgehen.
Was sie an diesem Tag verliert, ist deutlich mehr als ihr Kind. In dieser Welt gibt es für eine Frau ohne Mann und ohne Sohn keine Rente, keine Versicherung, kein eigenes Einkommen und kein Anrecht darauf, dass sich irgendjemand zuständig fühlt.
Der Sohn war ihr Auskommen, ihr Rechtsschutz und ihr Platz in der Stadt, und mit ihm wird gerade ihre gesamte Zukunft aus dem Tor getragen. Was danach kommt, ist bekannt: Betteln, die Barmherzigkeit von Nachbarn und ein Alter, das niemand absichern wird.
Und jetzt achte auf das, was sie tut. Sie ruft nicht nach dem Fremden, sie stellt sich ihm nicht in den Weg, sie fällt ihm nicht zu Füßen. Sie geht einfach weiter und weint.
Lukas schreibt: Als der Herr die Frau sah, hatte er Mitleid mit ihr (Lk 7,13). Nicht, als er ihre Bitte hörte, und nicht, als sie zu ihm betete, sondern als er sie sah.
Dann sagt er zu ihr zwei Wörter, mehr nicht: „Weine nicht!“ Kein Vortrag, keine Erklärung über den Sinn des Ganzen, kein Hinweis darauf, dass alles einen Grund habe. Zwei Wörter, an eine Frau, die er nie zuvor gesehen hat.
Er tritt an die Bahre und fasst sie an. Das ist an dieser Stelle kein frommes Detail, sondern ein offener Regelverstoß vor Zeugen, denn wer einen Toten berührt, gilt danach nach dem Gesetz sieben Tage lang als unrein (Num 19,11).
„Jüngling, ich sage dir: Steh auf!“ (Lk 7,14)
Der Tote setzt sich auf und beginnt zu reden, und was er sagt, steht nirgends. Dann kommt der Satz, der zeigt, worum es hier von Anfang an ging: Jesus gab ihn seiner Mutter zurück.
Nicht der Menge, die gerade etwas zu sehen bekommt, nicht seinen eigenen Leuten und nicht der Stadt. Ihr.
Warum sollte man das glauben?
Der ehrliche Einwand steht sofort im Raum. Totenerweckungen kommen in antiken Erzählungen häufiger vor als Steuerbescheide, und eine Geschichte, die niemand nachprüfen kann, beweist gar nichts.
Das stimmt, und es lässt sich auch nicht wegdiskutieren. Wer hier einen historischen Beweis erwartet, wird ihn nicht bekommen, und wer einen anbietet, verkauft etwas, das er nicht hat.
Es gibt allerdings eine Beobachtung, die von der Wunderfrage vollständig unabhängig ist. Sie betrifft die Reihenfolge, in der dieser kurze Bericht seine Sätze anordnet, und sie bleibt selbst dann noch interessant, wenn man an gar nichts glaubt.
Denn eine erfundene Wundergeschichte hätte an dieser Stelle gute Gründe, anders gebaut zu sein. Sie würde die Frau bitten lassen, damit das Publikum lernt, wie man richtig bittet, und sie würde den Wundertäter erst danach eingreifen lassen.
Erst das Erbarmen, dann die Macht
In fast jeder Wundergeschichte der Antike kommt zuerst die Bitte. Jemand fleht, verhandelt, bringt ein Opfer oder verspricht etwas, und dann geschieht das Wunder als Antwort auf diesen Einsatz.
Hier ist die Reihenfolge umgedreht. Zuerst sieht er sie, dann bewegt sich etwas in ihm, dann redet er, dann fasst er die Bahre an. Das Wunder steht ganz am Ende der Kette und nicht am Anfang.
Das Wort, das Lukas für diese innere Bewegung benutzt, ist im Griechischen kein Gefühlswort aus dem Salon. Es bezeichnet die Eingeweide und meint, dass es einem im Bauch umschlägt.
Ambrosius, Bischof von Mailand im vierten Jahrhundert und einer der ersten Ausleger dieses Textes, hat die Szene deshalb auf die Kirche gelesen: die Witwe als Bild der Gemeinde, der tote Sohn als Bild jedes Menschen, der aufgehört hat zu leben, noch bevor er gestorben ist. Der Vergleich ist eine Deutung und kein Befund, und Ambrosius gibt ihn auch als solche aus.
Der Katechismus, das durchnummerierte Handbuch, in dem die katholische Kirche zusammenfasst, was sie glaubt, ordnet das nüchterner ein. Jesus erwecke einzelne Tote und kündige damit seine eigene Auferstehung, also sein eigenes Herauskommen aus dem Grab, an (KK 994).
Der Unterschied zwischen beiden Vorgängen ist dabei größer, als der fromme Sprachgebrauch gern zugibt. Der junge Mann steht auf und wird irgendwann trotzdem wieder sterben, vermutlich Jahrzehnte später und ohne Publikum. Er bekommt Zeit zurück, nicht Ewigkeit.
Sie hat nichts gesagt
Genau hier liegt die Zumutung dieser Erzählung, und sie richtet sich gegen jede Religion, die nach Leistung funktioniert. Die Frau hat nichts geliefert. Sie war nicht besonders fromm, sie hat kein Gelübde abgelegt, sie hat nicht einmal um etwas gebeten, und der Text nennt keinen einzigen Grund, warum ausgerechnet sie an diesem Tag drankommt.
Du hast wahrscheinlich deinen eigenen Zug, der gerade aus der Stadt hinausgeht, und du weißt genau, wer oder was da getragen wird. Vielleicht liegt kein Mensch auf der Bahre, sondern eine Ehe, eine Gesundheit, eine Arbeit oder schlicht die Vorstellung davon, wie dein Leben eigentlich hätte aussehen sollen.
Und vielleicht hast du längst aufgehört zu bitten, weil du es satt hast, immer wieder um dasselbe zu bitten, oder weil dir schlicht nicht mehr einfällt, worum genau eigentlich. In dieser Geschichte ist das bemerkenswert unwichtig, denn die Frau am Tor hat ebenfalls nichts gesagt.
Dieser Bericht verspricht nicht, dass jeder Zug angehalten wird, und er tut auch nicht so. Er sagt nur, was in dieser Geschichte zuerst kommt. Erst der Blick, dann alles andere.
Quellen
- Lk 7,11-17 (Einheitsübersetzung 2016) — die Begegnung am Stadttor
- Lk 7,13 (Einheitsübersetzung 2016) — „Als der Herr sie sah, hatte er Mitleid mit ihr“
- Num 19,11 (Einheitsübersetzung 2016) — wer einen Toten berührt, ist sieben Tage unrein
- KK 994 — Totenerweckungen als Ankündigung der eigenen Auferstehung Jesu
- KK 1025 — im Himmel leben heißt mit Christus sein
- Ambrosius von Mailand, Expositio Evangelii secundum Lucam, Buch 5 — die Witwe als Bild der Kirche
