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Die Menge wollte ihn stoppen – Jesus blieb stehen

Der blinde Bartimäus rief trotz der schimpfenden Menge weiter. Jesus hörte ihn, fragte nach seinem Wunsch und heilte ihn.

Höre heute auf den Menschen, den andere zum Schweigen bringen.

  • Markus 10,46–52
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Annaya

⛪ ER GING DEN MENSCHEN AUS DEM WEG – HEUTE KOMMEN SIE ZU IHM

Ein Mann zieht sich mit siebenundvierzig in eine Hütte im libanesischen Bergland zurück und spricht kaum noch mit jemandem. Dreiundzwanzig Jahre später stirbt er dort, und danach beginnt seine eigentliche Geschichte. Was davon geprüft ist und was nicht, wird dich überraschen.

24. Juli 2026

Ein Mann zieht die Tür hinter sich zu

1875 bittet ein Priester in einem Kloster im libanesischen Bergland seinen Vorgesetzten um die Erlaubnis, in eine Einsiedelei oberhalb des Klosters zu ziehen. Er bekommt sie. Er ist siebenundvierzig Jahre alt und lebt zu diesem Zeitpunkt seit vierundzwanzig Jahren in der Gemeinschaft.

Eine Einsiedelei ist keine Ferienhütte mit Ausblick. Es ist ein Steinhaus für Menschen, die dauerhaft allein leben, um zu beten, mit wenig Heizung, wenig Essen und fast ohne Gespräche. Im libanesischen Bergland liegt dort im Winter Schnee.

Dort bleibt Youssef Antoun Makhlouf dreiundzwanzig Jahre. Geboren 1828 in einem Bergdorf, war er 1851 in einen Orden eingetreten, hatte den Namen Charbel bekommen und war 1859 zum Priester geweiht worden. Ein Mönch ist ein Mann, der in einer Gemeinschaft lebt, sich durch Gelübde bindet und sein Leben dem Gebet widmet.

Am 24. Dezember 1898 erleidet er einen Schlaganfall und stirbt in dieser Hütte. Er hinterlässt keine Schriften, keine Ordensgründung und keine eigene Lehre. Und genau ab hier wird die Sache öffentlich.

Von diesem Grab sprechen heute Menschen im halben Nahen Osten. Sein Bild hängt in libanesischen Taxis, in Läden in Beirut und in Wohnzimmern von Leuten, die selbst keiner Kirche angehören, und es hängt auch in muslimischen Haushalten.

Ein Mann, der dreiundzwanzig Jahre lang kaum jemanden sehen wollte, ist heute der Grund, warum in dieses Tal Menschen aus dem halben Land fahren.

Und wenn das alles bloß Legende ist?

Das ist der Einwand, den man bei Heiligengeschichten am häufigsten hört, und er ist berechtigt. Um Charbel ranken sich Erzählungen von Lichterscheinungen, unverwestem Leib und Heilungen, und die meisten davon werden weitergegeben, ohne dass jemand fragt, wer sie geprüft hat.

Wer nur die Erzählungen kennt, hält die ganze Sache für Folklore aus einem Bergdorf. Wer die katholische Kirche ohnehin für eine Wunderfabrik hält, bekommt hier reichlich Stoff geliefert, und niemand kann ihm das verdenken.

Bleibt also die Frage, die man an dieser Stelle stellen muss und die selten gestellt wird. Was genau von alledem hat tatsächlich ein Prüfverfahren durchlaufen?

Die Antwort ist kürzer, als die Anhänger es hätten

Zwei Schritte kennt dieses Verfahren. Die Seligsprechung erlaubt die öffentliche Verehrung in einem begrenzten Gebiet oder Orden, die Heiligsprechung erklärt sie für die ganze Kirche. Charbel hat den ersten Schritt 1965 genommen und den zweiten 1977.

Auf diesem Weg hat die Kirche genau drei Heilungen als Wunder anerkannt: die von Schwester Mary Abel Kamari, von Iskandar Naim Obeid und von Mariam Awad.

Drei Fälle. Nicht dreißig, nicht dreihundert, und keine davon ist die Geschichte, die man im Libanon zuerst erzählt bekommt.

Ein Prüfverfahren bedeutet dabei nicht, dass in Rom jemand einen frommen Bericht abgenickt hat. Ärzte legen Befunde vor, medizinische Gutachter suchen nach einer natürlichen Erklärung, Theologen prüfen die Umstände. Erst danach entscheidet die zuständige Stelle, und in vielen Fällen entscheidet sie negativ.

Der bekannteste Fall gehört ausgerechnet nicht dazu. Die Maronitin Nohad El Shami berichtete 1993, sie sei nach einem Traum mit zwei Wunden am Hals aufgewacht und habe wieder gehen können; diese Geschichte kennt im Libanon fast jeder. Das Kloster in Annaya dokumentiert den Fall, geprüft im vatikanischen Verfahren wurde er nicht.

Der Unterschied zwischen „dokumentiert“ und „anerkannt“ ist der ganze Punkt dieses Abschnitts. Er ist auch der Grund, warum diese Institution in solchen Fragen deutlich langsamer arbeitet, als es ihren eigenen Anhängern lieb ist.

Selbst die Zuordnung, welche der drei Heilungen zu welchem Verfahrensschritt gehört, lässt sich aus den öffentlich erreichbaren Quellen nicht eindeutig festlegen. Dieser Satz ist unbefriedigend, und er steht trotzdem hier. Eine glatte Aufzählung, die später nicht stimmt, wäre schlechter.

Was der Papst tatsächlich gesagt hat

Bei der Heiligsprechung 1977 in Rom hielt der damalige Papst, Paul VI., eine Predigt über diesen Mann. Sie ist bis heute im Wortlaut nachlesbar, und sie handelt fast ausschließlich von ausgesprochen unspektakulären Dingen.

Ärmliche Unterkunft, ärmliche Kleidung, einfaches Essen, körperliche Arbeit und Gehorsam gegenüber dem Abt, dem Leiter des Klosters. Im Zentrum steht die Messe, der katholische Gottesdienst, in dem Brot und Wein nach dem Glauben der Kirche zu Leib und Blut Christi werden. Warum die Kirche darauf so hartnäckig besteht, ist eine Behauptung, für die schon zu Lebzeiten Jesu Leute weggelaufen sind.

Von Wundern spricht diese Predigt kaum. Das Bemerkenswerte an dem Mann war nach diesem Text nicht, was durch ihn geschah, sondern woran er sich dreiundzwanzig Jahre lang jeden einzelnen Tag gehalten hat.

Auch beim Gedenktag lohnt sich Genauigkeit, weil hier gern zwei Angaben vermischt werden. Im römischen Kalender steht er am 24. Juli, während die maronitische Tradition, also die katholische Kirche des Nahen Ostens, zu der er gehörte, ihn am dritten Sonntag im Juli begeht. Zwei Kalender, zwei Termine, und darin liegt kein Widerspruch.

Was übrig bleibt, wenn man die Wunder wegnimmt

Vielleicht kennst du die Tage, an denen du ununterbrochen erreichbar bist und trotzdem nichts hörst. Das Telefon liegt neben dir, die Nachrichten laufen ein, mehr wird erledigt und schneller geantwortet. Am Abend weißt du dann nicht mehr, wovon dieser Tag eigentlich gehandelt hat.

Charbel liefert dafür keine Methode und kein Programm. Er hat nicht zehn Minuten Stille am Morgen empfohlen, sondern dreiundzwanzig Jahre in einer kalten Hütte gelebt, und das ist ausdrücklich keine Anleitung für dein Wochenende.

Er verspricht dir auch keine Heilung. Wallfahrt, Gebet und Verehrung ersetzen weder einen Arzt noch eine Therapie, und die Kirche selbst zählt in seinem Fall lieber drei geprüfte Heilungen auf als dreitausend erzählte.

Was bleibt, ist eine Frage, die schwerer wiegt als jedes Wunder. Ein Mann hat dreiundzwanzig Jahre lang jeden Tag dasselbe getan, ohne Publikum und ohne ein Ergebnis, das man vorzeigen könnte.

Ein Publikum hatte er dabei zu keinem Zeitpunkt. Gekommen sind die Leute erst danach.

Quellen

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