← Zurück zur Übersicht⛪️ Kirche

⛪ DU FRAGST DICH, WAS VON EINER FAMILIE BLEIBT? ANNA UND JOACHIM WERDEN ERINNERT, OBWOHL DIE ERZÄHLUNGEN ÜBER JESU GEBURT IHRE NAMEN NICHT NENNEN

Anna und Joachim gelten in der katholischen Tradition als Eltern Marias und Großeltern Jesu. Am 26. Juli erinnert die Kirche an sie – und zeigt dabei, wie man ehrlich mit Lücken in der Überlieferung umgeht.

26. Juli 2026

Am 26. Juli erinnert die katholische Kirche an Anna und Joachim. Im deutschen Schott-Messbuch ist dieser Tag als „Gedenktag“ bezeichnet: ein festgelegter Tag, an dem die Kirche Menschen aus ihrer Glaubensgeschichte ins Gedächtnis ruft. Anna und Joachim werden dabei als Eltern Marias und damit als Großeltern Jesu bezeichnet.

Das klingt zunächst nach einer Familiengeschichte mit vielen bekannten Einzelheiten. Bei Anna und Joachim ist die Lage anders: Die biblischen Erzählungen über Jesu Geburt nennen ihre Namen nicht. Gerade diese Lücke macht die Geschichte interessant. Sie zeigt, wie Bibel, christliche Tradition und spätere Frömmigkeit zusammenhängen – und warum sie sauber voneinander unterschieden werden müssen.

Was steht in der Bibel?

Die ersten Kapitel des Matthäus- und Lukasevangeliums erzählen von Maria, Josef und der Geburt Jesu. Die Evangelien sind biblische Erzählungen über Jesus. Lukas nennt Maria als junge Frau aus Nazaret, die mit Josef verlobt ist. Matthäus führt Josef in der Linie auf, in der Jesus als Messias vorgestellt wird. Die Eltern Marias kommen in den betrachteten Abschnitten nicht mit Namen vor.

Das ist eine wichtige Grenze. Wer sagt, Anna und Joachim stünden mit Namen in der Bibel, gibt der Überlieferung einen biblischen Beleg, den diese Texte nicht liefern. Die Namen gehören zur christlichen Tradition. Mit Tradition ist hier die Glaubenserinnerung gemeint, durch die Namen, Deutungen und liturgische Gedenktage über Generationen weitergegeben werden.

Woher kommen die Namen Anna und Joachim?

Eine zentrale Quelle ist das sogenannte Protoevangelium des Jakobus, auch „Kindheitsevangelium des Jakobus“ genannt. Ein apokrypher Text ist eine frühchristliche Schrift, die mit der christlichen Überlieferung verbunden ist, aber nicht zum biblischen Kanon gehört. Der biblische Kanon ist die Sammlung der Schriften, die die Kirche als Heilige Schrift anerkennt.

Das Protoevangelium ist eine frühchristliche Schrift über Marias Kindheit und die Anfänge der Jesusgeschichte. Die Forschung ordnet den Text in das zweite Jahrhundert ein; ein genaueres Jahr ist umstritten. Der Text beansprucht, von Jakobus zu stammen. Die Forschung behandelt diese Zuschreibung nicht als gesicherte Verfasserschaft.

In diesem Text heißen Marias Eltern Joachim beziehungsweise Ioacim und Anna. Die Erzählung führt sie als Eltern Marias ein. Sie berichtet außerdem von Kinderlosigkeit, Gebet, einer Ankündigung und Marias Geburt. Solche Szenen gehören zum Inhalt dieses apokryphen Textes. Sie sind damit noch keine unabhängig bestätigte Biografie.

Das deutsche Schott-Messbuch formuliert die Grenze ausdrücklich: Unter den Namen Anna und Joachim werden die Eltern Marias und die Großeltern Jesu geehrt, „über die keine authentischen Nachrichten vorliegen“. „Authentisch“ bedeutet hier: als historische Nachricht zuverlässig belegt. Für eine Lebensbeschreibung mit gesicherten Daten, Berufen, Wohnorten oder persönlichen Gesprächen reicht die Quellenlage nicht aus.

Warum erinnert die Kirche sie trotzdem?

Die katholische Kirche hat Anna und Joachim in ihre liturgische Erinnerung aufgenommen. Liturgie bedeutet der offizielle Gottesdienst und der geordnete Kalender der Kirche. Am 26. Juli begeht sie den Gedenktag der beiden. Offizielle Texte des Heiligen Stuhls nennen sie als Eltern Marias und deshalb als Großeltern Jesu. Diese Bezeichnung ist eine Aussage der kirchlichen Tradition und Liturgie. Sie wird in den Evangelien nicht mit den Namen Anna und Joachim belegt.

Damit wird das Protoevangelium nicht nachträglich zur Bibel. Ein apokrypher Text kann eine Tradition prägen, ohne kanonische Schrift zu sein. Die Kirche kann also liturgisch an Anna und Joachim erinnern und zugleich offen sagen, dass ihre Namen in den biblischen Erzählungen über Jesu Geburt fehlen. Ehrlichkeit über die Quellen schwächt die Erinnerung nicht. Sie macht sichtbar, worauf sie beruht.

Auch Bilder und fromme Darstellungen müssen in diesem Licht gelesen werden. Papst Benedikt XVI. spricht von einer „schönen Ikonografie“, wenn er das Bild einer Maria erwähnt, die bei ihrer Mutter Anna die Heilige Schrift lesen lernt. Ikonografie bedeutet die religiöse Bildsprache, mit der eine Glaubensüberzeugung dargestellt wird. Ein solches Bild kann eine geistliche Bedeutung tragen. Es beweist kein historisches Klassenzimmer und keinen dokumentierten Tagesablauf.

Was Großeltern weitergeben können

Papst Benedikt XVI. verbindet den Gedenktag mit Großeltern, Erziehung und der Weitergabe grundlegender Werte. Papst Franziskus erinnert ebenfalls daran, dass Anna und Joachim als Großeltern Jesu verehrt werden. Johannes Paul II. betont im Zusammenhang mit dem Gedenktag die Bedeutung des Alters und die Sorge für ältere Menschen.

Darin liegt ein Zugang, der keine erfundenen Details über Anna und Joachim braucht. Familien können mehr weitergeben als Namen und Besitz: Erinnerungen, Gebete, Fragen, Gewohnheiten und ein Bild davon, was im Leben trägt. Manches wird ausdrücklich erzählt. Vieles wird durch einen gelebten Alltag vermittelt. Die kirchlichen Texte laden dazu ein, ältere Menschen als Träger und Zeugen grundlegender Werte wahrzunehmen.

Vielleicht fällt dir ein Mensch ein, von dem du etwas Entscheidendes gelernt hast. Ein Satz, eine Haltung, ein Gebet oder die Art, wie jemand in einer schwierigen Zeit bei anderen blieb. Du musst daraus keine ideale Familiengeschichte machen. Du kannst einfach prüfen, was dir an Gutem anvertraut wurde und was durch dich weitergehen soll.

Eine Erinnerung mit offenen Rändern

Über Anna und Joachim sind keine authentischen historischen Nachrichten überliefert. Ihre Namen werden dennoch seit langer Zeit in der christlichen Tradition bewahrt. Die Bibel erzählt die Geschichte Jesu mit Maria und Josef; die kirchliche Erinnerung ordnet Anna und Joachim in Marias Familiengeschichte ein. Das sind zwei Ebenen derselben Glaubensgeschichte, die miteinander verbunden sind und doch nicht verwechselt werden dürfen.

Am 26. Juli kann deshalb beides nebeneinander stehen: die Freude über eine gewachsene Tradition und die Nüchternheit gegenüber ihren Quellen. Du darfst fragen, woher eine Aussage kommt. Du darfst eine Lücke stehen lassen. Und du darfst zugleich darüber nachdenken, welche Menschen deinen Glauben, deine Hoffnung oder deinen Blick auf das Leben geprägt haben.

Quellen

📩 Artikel teilen
🖼️ Titelbild KI-generiert · Gekennzeichnet nach AI-Act
🔗 Link kopiert!